Kind will sich nicht anziehen lassen

Kind will sich nicht anziehen lassen - Kind im Schnee

Wir wollen raus. Frische Luft schnappen. Beine vertreten. Doch bevor es raus geht, ist da wieder das leidige Thema mit dem Anziehen.

Was uns den Stress genommen hat, berichte ich dir im folgenden Beitrag.

Kind will sich nicht anziehen lassen

Zugegeben: Im Sommer ist Anziehen bei uns nicht so ein Ding. Ist ja schließlich warm genug draußen. Aber wenn es kälter wird… Herbst, Winter, Frühling… ja, dann gehen die Diskussionen los. Das Hin- und Hergerenne. Das ewig lange Geduldsspiel. Kennst du sicher.

Mein Mann und ich hatten ein paar Tricks auf Lager, wie wir das Anziehen vorantreiben konnten:

1. ICH will!

Wir tun so, als würden wir die Kindersachen selber anziehen wollen. Total begeistert natürlich. Dann will der kleine Mann auch.

Später klappte das nur noch, als wir bereits alle Kinderklamotten (!) angezogen hatten. Irgendwann gar nicht mehr. Der Trick wurde durchschaut.

2. Kinderwagen

Wenn der kleine Mann seine Schuhe nicht anziehen wollte, zog ich sie ihm später im Kinderwagen an. Ich hab keine Ahnung, warum, aber dort ließ er sie sich ohne Murren anziehen. Das betraf allerdings immer nur die Schuhe. Der Rest? Kein Rankommen.

3. Kindergarderobe

Dann dachten wir, er braucht einen festen Platz, wo sich angezogen wird. Struktur reinbringen und so. Also bekam er von uns eine Sitzbank mit Kleiderhaken, die noch aus meiner Kindheit stammten. Da konnte er sich hinsetzen, während wir ihn anzogen. Das machte er auch ganz gern. Ab und zu. Oftmals aber nicht.

Kind will sich nicht anziehen lassen - Sitzbank.jpg

Dann wollte er sich im Kinderzimmer anziehen lassen. Oder auf dem Bett oder der Couch.

Da wurde ich dann langsam, aber allmählich lockerer. Nahm es nicht mehr so eng. Ich meine, meine Güte, ist doch egal, WO er sich anziehen lässt. Hauptsache, es klappt.

Aber das Problem, dass er bestimmte Sachen nicht anziehen wollte, blieb bestehen.


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9 Gründe, warum Anziehen zum Problem wird und wie du sie angehen kannst

Ich stöberte in meinem etwas älteren Artikel „Baby schreit beim Anziehen„. War doch damals kein Problem gewesen. Nur das, was damals noch funktionierte, klappte nun leider nicht mehr. Woran könnte es liegen? Ich hab mir dazu ein paar Gedanken gemacht und bin auf 9 mögliche Gründe gestoßen:

1. Ungleichgewicht

Es gab womöglich schon Stress beim Aufstehen, Zähneputzen, Toilettengang, Frühstück, Aufräumen usw. Hat nach einer Weile endlich funktioniert. Jetzt „nur“ noch schnell anziehen und dann raus. Doch jetzt wird auch noch das Anziehen zum Problem. Kann doch nicht wahr sein.

Aber dein Kind musste bis jetzt schon viel kooperieren. Früh aufstehen, Zähne putzen, auf Toilette gehen, frühstücken, aufräumen usw. Jetzt will es sich wieder seinen Dingen widmen. Spielen zum Beispiel.

Kinder sammeln zu Silvester Sachen vom Boden auf

Gib deinem Kind die Möglichkeit, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen Dingen, die es tun musste und Dingen, die es will. Gib ihm Zeit.

Ja, klar, würdest du gern. Aber ihr müsst JETZT los. Das bringt mich zu Punkt 2.

2. Zeitdruck

Zeitdruck ist ein echter Nervenkiller. Wenn ich gestresst bin, geht alles schief, was nur schief gehen kann. Frühstück wunderschön vorbereitet, nix wird angerührt. Spielen, spielen, spielen und am Ende ist keine Zeit mehr und es wird hektisch. Ich reagiere genervter, weil ich sehe, wie sehr wir uns bereits verspätet haben. Werde ärgerlich. Und das hilft in solchen Situationen noch weniger.

Die einzige Möglichkeit, hier eine Lösung zu finden: Mehr Zeit einplanen. Ja, ich weiß, sagt jeder. Zeit. Du musst Geduld haben. „Ich plane doch schon Zeit ein.“ Vielleicht immer noch nicht genug? Würde es euch gar helfen, die Sachen für den Morgen schon am Abend rauszusuchen? Vielleicht guckst du gleich etwas komisch, aber wie wäre das: Dein Kind zieht am Abend die Sachen für den Morgen an und schläft darin. Ich meine, was spricht dagegen? Eine Sorge weniger…

3. Geduld auf Probe gestellt

Da fällt mir ganz spontan ein Erlebnis aus Kindheitstagen ein: Winter. Zeit für die Schalmützen. Ich stehe also in voller Wintermontur im Flur und warte darauf, dass alle anderen fertig werden. Es ist heiß. Ich schwitze. Die Mütze kratzt. Ich werde immer aggressiver. Werde „bockig“, wie sie immer so schön sagten.

Aber mal ganz im Ernst. Da wird die Geduld eines Kindes ganz schön auf die Probe gestellt. Es dauert einfach alles eeeeewig lang. Kein Wunder, dass ich Anziehen hasse, wenn das immer so eine Qual ist.

Also warum nicht einfach das Kind zuletzt anziehen, damit es in voller Montur nicht auch noch ewig lange warten muss?

4. Unbequem

Das Kleidungsstück, das dein Kind anziehen soll, ist schlichtweg unbequem. Kratzende Wolle – ein Albtraum! Das Schildchen hinten im Nacken kratzt einem die Haut auf! Schrecklich!

Auch wenn es SO TOLL an deinem Kind aussieht. Dein Kind wird sich darin aber nicht toll fühlen. In so einer Kleidung den ganzen Tag zu verbringen, ist die Hölle. Also sortier das schöne, aber unbrauchbare Stück Stoff aus. Bastel irgendwas draus oder mach sonstwas damit. Aber gib es bloß nicht in die Kleidersammlung. Am Ende muss ein anderes Kind das Kratzteil tragen. Ich mein ja nur…

5. Untauglich

Genau so gut könnte es sein, dass das Kleidungsstück einfach völlig untauglich für das ist, was dein Kind vorhat. Thema Handschuhe und Klettergerüst. Bei meinen Neffen habe ich ganz oft festgestellt, dass sie die Fäustlinge nicht tragen wollten bzw. sie schnell wieder auszogen, weil sie sie am Spielen hinderten. Sie wollten klettern oder etwas festhalten, und die fetten Fäustlinge hinderten sie daran.

Kann auch sein, dass die Kleidung zu sehr in der Bewegung einschränkt, und dein Kind wie ein Michelin Mann durch die Gegend watschelt.

Kind mit roten Haaren kurzärmelig im Schnee

Es kann also nicht schaden, sich nach geeigneterer Kleidung umzusehen.

6. Geschmack

Vielleicht ist die Kleidung nicht unbequem, aber einfach… ich weiß nicht… Womöglich gefällt sie deinem Kind nicht so sehr wie dir?

Lass dein Kind aussuchen, was es tragen möchte. Geht gemeinsam shoppen.

Mein Sohn beispielsweise wollte immer seinen Schlafanzug anziehen, egal zu welchem Anlass. Na und? Bloß, weil das Teil als Schlafanzug ausgeschildert ist, heißt das doch nicht, dass man es nur zum Schlafen benutzen darf.

Kinder malen Ostereier an

7. Verbindung mit einem negativen Gefühl

Kann es sein, dass dein Kind vom Umfeld (Familie, Freunde, Fremde, …) über dieses oder jenes Kleidungsstück bewertet wurde?

Vielleicht fand es jemand hässlich und hat dein Kind deswegen ausgelacht oder ihm anderweitig ein negatives Gefühl gegeben? Dadurch könnte dein Kind die Sache mit einem negativen Gefühl verbunden haben und es deshalb nicht (mehr) tragen wollen. Oder es wurde mit einem bestimmten Kleidungsstück überaus bewundert oder gelobt und möchte deshalb nichts anderes mehr tragen.

Frag dein Kind mal, ob es da so eine Situation gab. Warum es dieses oder jenes nicht (mehr) anziehen will.

8. Unverständnis

Das „Problem“ hatte ich schon damals, als der kleine Mann noch ein Baby war. Wir sind JETZT im Warmen. Draußen ist es kalt. Wir müssen uns anziehen, damit wir draußen nicht frieren.


Damals half es, meinem Kind die Situation begreiflich zu machen, indem ich mit ihm auf den Balkon ging (oder das Fenster aufmachte) und wir uns das Wetter ansahen. Da ließ sich mein Baby super anziehen. Half aber jetzt nicht mehr.

Ab und zu hilft auch Erklären. Warum wir uns anziehen müssen. Winter = kalt, Herbst = windig und dergleichen. Aber meistens lässt er sich nicht überzeugen.

Klar kann ich mich jetzt mit meinem Kind hinsetzen und ihn bitten, mir bei der Lösungsfindung behilflich zu sein. Bei der Bewältigung des Problems Hilfestellung zu leisten.

Doch der K(r)ampf ums Anziehen könnte auch einzig und allein folgenden Grund haben:

 9. Körpergefühl

Irgendwann hab ich ihn dann in knapper Montur nach draußen gehen lassen. Hab einfach die in meinen Augen fehlenden Kleidungsstücke mit eingepackt und los ging’s. Er wird ja schon sehen.

Recht schnell musste ich dann feststellen, dass der kleine Mann – so, wie er gerade gekleidet ist – genau richtig angezogen ist. Ihm ist einfach nicht kalt. Das bedeutet, dass wir ein völlig anderes Körpergefühl haben. Ein völlig unterschiedliches Verständnis von „kalt“.

Kind mit roten Haaren kurzärmelig im Schnee

Kann die Lösung so simpel sein? Ihn einfach selber entscheiden lassen?

Ich muss dazu sagen, ich habe lange genug Kämpfe ausgetragen. Mal hab ich versucht, ihn in die Wintersachen zu stopfen und er hat mich angeschrien wie sonstwas. Dann hab ich es sein lassen. Doch es gibt einen tragenden Unterschied zu:

Ätschi Bätschi!

Wenn der Kleine in meinen Augen nicht richtig angezogen ist, er aber darauf besteht, so rauszugehen, dann lasse ich ihn. Allerdings nehme ich IMMER passende Kleidung und Wechselklamotten mit. Denn wenn er dann doch friert, dann kann ich ihm die fehlenden Sachen anziehen.

Nun gibt es sicherlich auch welche, die sich denken: „Äh, nein?! Ist doch seine eigene Schuld. Hätte er mal lieber auf mich gehört. Nu muss er zusehen, wie er klarkommt. Muss er halt frieren, schwitzen, was auch immer.“

Aber da liegt der Unterschied. Das hat nichts mit „Konsequenz“ zu tun. DU bist die/der Erwachsene und kannst vorausschauend denken. Dein Kind (noch) nicht. DU kannst dein Kind aus dieser misslichen Lage befreien. Das liegt nun mal in deiner Verantwortung. Deinem Kind nicht die notwendige Kleidung zur Verfügung zu stellen und es absichtlich frieren (oder was auch immer) zu lassen, bedeutet Kindesvernachlässigung.

Kind verschränkt Arme und hat Mütze ins Gesicht gezogen

Manche denken, ihrem Kind dadurch beizubringen, was „Konsequenzen“ sind. Sie nennen es Erziehung. In meinen Augen lernt das Kind nur, dass man ihm aus dieser Notsituation hätte heraus helfen können, es aber nicht macht. Aus irgendeinem Grund, den es nicht nachvollziehen kann. Und das schmerzt dann nicht nur körperlich.

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Vertrauen

Was ich sagen will: Entwickle das Vertrauen in dein Kind, dass es sehr gut wissen wird, ob ihm heiß, kalt oder was auch immer ist. Oder dass es aktuell damit beschäftigt ist, das für sich herauszufinden. Dass es seine eigenen Erfahrungen machen will und auch MUSS.

Es ist sein Körper. Nur dein Kind wird wissen, was sich gut anfühlt. Es will keine vorgefertigten Erfahrungen, die du bereits gemacht hast. Es will sie selber machen. Das kann auch bedeuten, „Fehler“ zu machen. Es ist nicht „falsch“ in dem Sinne. Einfach nur eine weitere Erkenntnis, zu der dein Kind gekommen ist.

Das ist es doch, zu was wir unsere Kinder erziehen wollen, oder? Dass sie selbstständig denken. Sich nicht von anderen reinreden und manipulieren lassen. Dass sie imstande sind, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Auf ihr Bauchgefühl zu hören. Ihr Körpergefühl nie zu verlieren.

Was würde wohl passieren, wenn wir unseren Kindern jedes Mal demonstrieren: „Ich weiß besser, was du fühlst, was du brauchst.“? Zu was für Menschen wachsen unsere Kinder heran, wenn wir ihnen beibringen, dass sie nicht darauf vertrauen können, was ihnen ihr eigener (!) Körper sagt?

Kind will sich nicht anziehen lassen - Kind im Schnee.jpg

Dumme Sprüche

Klar kann es vorkommen, dass du dafür dumme Kommentare von anderen erntest. Dass dein Kind zu „xyz“ gekleidet ist. Unverantwortlich etc.

Ich kenne das auch von meiner Familie. Wenn wir nach Hause fahren wollen und der kleine Mann jetzt unbedingt barfuß zum Auto laufen will. Klar ist es kalt auf dem Boden. Merkt er doch. Wir können ihn darauf hinweisen, dass wir Socken und Schuhe dabei haben, die ihn wärmen und vor pieksenden Steinchen schützen. Wenn er sich entscheidet, sie anzuziehen, gut. Und wenn nicht, dann was?

Ich denke, viele, die sich die Sprüche nicht verkneifen können, machen sich erst einmal nur Sorgen. Dass er frieren könnte, sich erkältet, was eintritt oder was auch immer.

Das kannst du ihnen anrechnen. Dass sie sich um ihre Mitmenschen sorgen. Eine Welt, in der man niemandem völlig egal ist, ist doch eine gute Welt. Und dann kannst du ihnen die Angst nehmen und es ihnen erklären.

Sicher, manche wollen einfach nur rumpampen, aber einige wird es sicherlich interessieren. Und wiederum andere erfreuen sich einfach am Anblick eines Kindes, das Spaß hat.

Unabhängig davon, wie sie reagieren (könnten), solltest du immer zu deinem Kind stehen und es nicht übergehen, bloß weil du fürchtest, was sie denken oder sagen könnten. Sie kennen dich nicht. Sie kennen auch nicht dein Kind. Vielleicht wurden sie als Kinder auch übergriffig behandelt, wenn es ums Anziehen ging. Das weißt du nicht. Und genau so wenig wissen sie, wie dein Kind sich fühlt und sollten sich nicht herausnehmen, es besser zu wissen.

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Über Julia

Hallo! Ich bin Julia, 26 Jahre alt und blogge seit 2016. Ich bin Mutter eines kleinen Mannes (geb. 2015) und bastel mit Leidenschaft.
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