„Bist du DUMM?!“

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„Bist du dumm?!“ – Das hat mich mal mein Vater gefragt, als wir zusammen mit meiner Mutter ein Spiel spielten.

Damals hab ich mich nicht getraut, auf diese Frage zu antworten; heute möchte ich das gerne nachholen…

Erst war es noch ein ganz normaler Spieleabend…

Ich mochte das Spiel. Es war ein Brettspiel. Es hieß „Auf Achse„*, bei dem jede/r Spieler*in einen LKW spielt, Aufträge bekommt und eine bestimmte Anzahl an Gütern von A nach B bringen muss. Für jeden erfolgreich abgeschlossenen Transport gibt es dann Geld.

Man kann auch Anhänger kaufen, damit man mehrere Waren gleichzeitig transportieren und somit Aufträge, die auf dem Weg liegen oder nur einen kleinen Umweg benötigen, erledigen und schneller Kohle kassieren kann. Denn die entscheidet am Ende, wer gewonnen hat.

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Ein recht simples Spielkonzept, aber man muss halt auch überlegen. Nehme ich den Auftrag, für den ich von Flensburg nach Verona wirklich von einem Ende des Spielfelds zum anderen fahren muss, für den ich aber auch richtig viel Kohle bekomme? Oder nehme ich vielleicht lieber die vielen kleineren Aufträge, bei denen ein Stau oder eine Baustelle nicht gleich den Genickbruch bedeutet?

Für mich war bald klar, dass ich verlieren würde. Bei meinem Vater stapelte sich Zug um Zug das Geld, er hatte mehr als ausreichend Anhänger zur Verfügung, meine Mutter war auch gut dabei, und gegen Spielende passierte es dann…

„Bist du DUMM?!“

Das Spiel endet, wenn es keine Aufträge mehr gibt und die/der erste Spieler*in alle angenommenen Aufträge abgeschlossen hat. Dann wird das Geld gezählt; wer am Meisten hat, gewinnt.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wie sich das Ganze abspielte. Ich meine mich zu erinnern, dass es darum ging, dass ich einen Anhänger kaufen wollte, und mein Vater mir anbot, mir einen seiner Anhänger günstiger zu verkaufen.

Das Spiel war eh fast vorbei, dachte ich mir. Ich sah auf die Spielseite meines Vaters, wo sich die Geldscheine türmten. Ich sah rüber zu meiner Mutter, dann zu mir, und ich wusste, es macht keinen Unterschied mehr, einen Anhänger günstiger oder für den Originalpreis zu kaufen – ich würde so oder so verlieren.

Also entschied ich mich, den Anhänger, den mir mein Vater so gönnerhaft angeboten hatte, nicht zu kaufen, und stattdessen mehr Geld für einen Anhänger auszugeben, der ihm nicht gehörte. Ich wollte nicht, dass mein Vater noch mehr Geld bekommt. Ich hasste diese Situation, in der er sich als Helfer aufspielte, wo wir doch alle wussten, dass es rein gar nichts bringen würde – außer, dass er noch mehr Scheine kassieren würde. Und wenigstens das sollte ihm verwehrt bleiben.

Bist du DUMM?!“ – hörte ich ihn fragen. Er erklärte, dass sein Anhänger doch günstiger sei als der andere. Meine Mutter schritt ein, dass er so nicht reden solle. Er lachte unsicher. Mir war klar, dass es eine rhetorische Frage war. Sie bedurfte keiner Antwort.



Was „dumm“ wirklich bedeutet

Trotzdem möchte ich gerne antworten. Denn ich bin nicht dumm. Auch wenn ich mich lange dafür gehalten habe und es heute immer wieder hochkommt. Dieser Glaubenssatz, dass ich dumm bin. Nicht klug genug, um Erfolg zu haben oder Neues auszuprobieren.

„Es gibt keine dummen Menschen.“

Ich sage mir immer wieder, dass es keine dummen Menschen gibt. Das Wort „dumm“ sollte meiner Meinung nach überhaupt nicht existieren.

Was wir stattdessen sagen können, ist, dass wir Menschen alle unterschiedliches Wissen haben. Doch deshalb sind wir noch lange nicht dumm.

Als Grundschulkind konnte ich immer noch nicht die Uhr lesen. Ich verstand es einfach nicht. Ich kapierte nicht, was mir der kleine Zeiger zwischen 2 und 3 und der große Zeiger auf der 6 sagen wollten. Meine Lehrerin verstand nicht, warum ich im Test zu meinem Nachbarn rüber schmulte, weil er die Uhr konnte.

Und trotzdem war ich nicht dumm. Ich interessierte mich zu diesem Zeitpunkt nur für andere Dinge.

Ich ging leidenschaftlich gerne tanzen, hatte sogar Rollen auf der Bühne vor Publikum, wofür ich seitenweise lange Texte auswendig lernen musste. Kein Problem. Ich liebte es, zu schauspielern. Setzte ich mal für längere Zeit aus, waren Text und Choreographie nach kurzer Übung wieder da.

Ich war gerne unterwegs mit meinen Freund*innen, auf allen möglichen Spielplätzen. Manchmal waren wir mutig genug, in eine geschlossene Kita einzubrechen oder uns auf einen abgelegenen Platz zu schleichen, auf dem tote Ratten lagen. In der Kita ging dann der Alarm los, auf dem Platz wurden wir erwischt und von einem wütenden Mann zum Teufel gejagt.

Es war aufregend und wir taten es nie wieder, aber das war es, was ich als Kind machte. Was interessierten mich Zeiger, die mir sagen wollten, wie spät es war? Wenn ich es wissen wollte, fragte ich nach oder schaute auf meine Uhr mit Digitalanzeige.

Auch wenn ich manches nicht wusste, so wusste ich mir dennoch zu helfen.

Kind mit Freunden auf der Wiese

Heute bin ich selber nicht besser

Heute, als Erwachsene, als Mutter, Frau, wer auch immer, ertappe ich mich auch öfter mal dabei, dass ich plötzlich, ohne nachzudenken, solche Sprüche rufe. Über Fußgänger*innen, die, obwohl sie mich mit dem Auto kommen sehen, auf die Straße laufen, weil… naja… ich werde sie schon nicht überfahren, logisch. Aber diese Arroganz und Selbstsicherheit, mit der diese Leute noch gemächlich über die Straße stolzieren, macht mich wahnsinnig, und ja, dann rufe ich auch „Ey sammal bist du dumm oder was?!“

Oder wenn mein Sohn seine „5 Minuten“ hat und ich mich geduldig in seine Nähe setze, mit ausreichend Sicherheitsabstand, und er plötzlich zu mir kommt und mich tritt, dann platzt es manchmal auch aus mir raus, dass ich ihn völlig irritiert anstarre und frage „Spinnst du?! Warum trittst du mich?!“

Was sich wirklich hinter solchen Sprüchen verbirgt

Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, haben diese Sprüche eins gemeinsam: Irritation. Wir verstehen nicht, was gerade passiert (ist). Aber wir haben verlernt, es zu erkennen und auszusprechen. Stattdessen platzt so ein beschissener „Bist du …?!“ aus uns heraus, der es uns sowie unserem Gegenüber ziemlich schwer macht zu verstehen, was wir gerade wirklich sagen wollen. Nämlich „Hä? Ich versteh grad gar nichts! Was ist gerade passiert? Und warum? Ich brauche eine Erklärung, um das zu verstehen.“

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Fazit

Es gibt keine dummen Menschen. Es gibt Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen, Interessen und demzufolge ein unterschiedliches Wissen haben. Aber sie sind nicht dumm. Das Wort allein dürfte gar nicht existieren, weil es derart verurteilt, dass es nur DAS EINE Wissen, DIE EINE Wahrheit gibt. Das Wort denunziert uns, macht uns klein, beraubt uns unseres Selbstwertgefühls und Selbstbewusstseins.

Stattdessen sollten wir uns stets darüber im Klaren sein, dass es so etwas wie „dumm“ einfach nicht gibt. Wir können alle voneinander lernen. Du kannst von jeder/m Menschen etwas lernen, und sei es auch nur, dass du weißt, dass du so wie dieser Mensch nicht sein willst. Dann hat sie/er dir zumindest geholfen, dein Wertesystem zu festigen. Du kannst IMMER lernen. Von jedem und jeder.

Wenn wir jemanden beobachten und absolut nicht nachvollziehen können, was sie/er da getan hat, dann neigen wir oft dazu, solche Menschen zu verurteilen. Wir sagen dann schnell „Ist die/der dumm…“ Doch dann fällt es uns schwerer zu erkennen, was wir in diesem Moment brauchen. Klarheit. Weil wir nicht verstehen, warum manche Menschen machen, was sie machen.

Dann hilft Empathie. Wir versetzen uns in die Lage der/desjenigen hinein, um verstehen zu lernen. Und verstehen heißt nicht gleich akzeptieren. Es heißt lediglich, den Sinn zu erfassen. Nachvollziehen zu können.

Und jetzt kann ich auch verstehen, warum mich mein Vater damals fragte „Bist du dumm?“. Er war irritiert. Er konnte nicht verstehen, was mich dazu veranlasst hatte, seinen günstigeren Anhänger nicht, und stattdessen einen teureren Anhänger zu kaufen. Er wusste sich leider nur nicht besser auszudrücken.

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