„Blöde Mama.“

Kind lehnt traurig an einer Wand
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„Blöde Mama.“ – diesen Satz wollte ich niemals im Leben aus dem Mund meines Kindes hören, spricht es doch dafür, dass ich eine schlechte Mutter bin, mein Kind mich nicht liebt usw.

Doch was geschah, als ich ohne Vorwarnung eines Tages doch diesen Spruch an den Kopf geknallt bekam?

Blöde Mama – Wie es geschah

Du denkst, ein „Blöde Mama.“ muss zwangsläufig mit einem vorangegangenen Verbot oder Streit beginnen? Nein, nicht unbedingt. Mich beispielsweise hat es eiskalt erwischt.

Ich saß mit Oliver auf der Couch, eingemummelt in Decken und Kissen und schaute mit ihm eine Folge seiner aktuellen Lieblingsserie.

Oben auf der Couch lag ein anderes, unbenutztes Tablet, das ich mir schnappen wollte. Das fand mein Sohn aus irgendeinem Grund doof, was er mir auch zu verstehen gab. Er wollte es haben. Ich gab es ihm daraufhin; wollte ich doch herausfinden, was er nun damit vorhatte, und warum ich es seiner Meinung nach nicht bekommen durfte.

Er hält das Tablet in seinen Händen und schaut etwas verstimmt drein und blubbert mir dann ins Gesicht:“Blöde Mama.“

Und ich steh da, wie erstarrt, und bekomme plötzlich jenen Satz an den Kopf geknallt, den ich nie, nie, niemals hören wollte.

Während ich also noch stumm vor mich hin starre, kommt mein Mann, der das „Blöde Mama.“ mitbekommen hat, zu mir, um mich zu trösten. „Oliver, das ist nicht nett, wenn du sowas sagst.“, beginnt er. Ich unterbreche ihn. „Schon gut. Ich weiß, dass er es nicht so gemeint hat.“, höre ich mich sagen. Aber ehrlich gesagt, war ich mir da gar nicht so sicher.



Was denke ich?

Ich lasse den Vorfall unkommentiert und grübel nach. Was stört mich so an dem Satz? An sich stört mich an dem Satz erst mal nichts.

Was ich hingegen darüber denke, stört mich.

Wenn mein Sohn zu mir „Blöde Mama.“ sagt, dann denke ich, es bedeutet im Umkehrschluss:

1. Mein Kind liebt mich nicht.
2. Mein Kind ist respektlos mir gegenüber.
3. Mein Kind ist undankbar.
4. Ich bin eine schlechte Mutter.
5. Ich habe etwas falsch gemacht.
6. Ich bin falsch.

Vor Kurzem hörte ich das Hörbuch von Byron Katie „Lieben was ist.“*.

Wenn du von Byron Katie bisher nichts gehört hast, hier ein paar Infos: Byron Katie ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und hatte jahrelang schwere Depressionen, war alkoholabhängig, litt unter Esssucht und Alkoholismus, war nikotin- und medikamentenabhängig und gewalttätig.

Therapien brachten nie den gewünschten Erfolg, bis Katie (wie sie von allen genannt wird) aus sich heraus einen Weg aus der Krise findet. Plötzlich kommen unzählige Menschen zu ihr und bitten sie um Rat, was ihr geholfen hat und ob sie ihnen auch helfen könne. Seitdem vermittelt Katie ihre Methode „The Work“ in Büchern, Workshops und Vorträgen.

„The Work“ funktioniert ziemlich einfach und kann mit einem Arbeitsblatt überall angewandt werden.

The Work

Ich versuchte nun mithilfe dieses Arbeitsblattes meine Glaubenssätze zu untersuchen. Beginnen wir mit dem ersten: „Mein Kind liebt mich nicht.“

1. Frage: Ist das wahr?

Das konnte ich ohne mit der Wimper zu zucken mit einem klaren „Nein.“ beantworten. Mein Sohn liebt mich. Das zeigt er mir so oft. Daran bestand kein Zweifel.

Laut Arbeitsblatt sollte ich bei einem „Nein.“ die 2. Frage überspringen und zur 3. Frage übergehen.

3. Frage: Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?

Ich erstarre und ziehe mich zurück.

Frau sitzt traurig am Fenster

a) Bringt dieser Gedanke Frieden oder Stress in dein Leben?

Stress.

b) Welche Bilder aus der Vergangenheit und der Zukunft siehst du, und welche körperlichen Empfindungen tauchen auf, wenn du diesen Gedanken denkst und Zeuge dieser Bilder wirst?

Ich fühle mich verletzt wie ein kleines Kind. Und dieses Kind weiß sich nicht anders zu helfen, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Es will, dass sein Gegenüber genau so verletzt wird wie es selbst.

Ich denke zurück an meine Kindheit, in der ich nicht verstanden wurde. Ich suchte nach Nähe und bekam nur Einsamkeit, sowohl körperlich als auch seelisch. Ich wurde bestraft, wenn ich falsch war. Ich musste mich verstellen, um geliebt zu werden.

Blicke ich in die Zukunft, sehe ich meinen Sohn und mich, wie wir uns nicht mehr verstehen und uns immer weiter voneinander entfernen. So, wie es mir mit meinen Eltern ergeht.

Bei diesem Gedanken zieht sich in mir alles zusammen. Schnürt mir den Hals zu. Der Gedanke schmerzt im Herzen.

c) Welche Gefühle tauchen auf, wenn du diesen Gedanken glaubst?

Da viele es nicht gelernt haben, ihre Gefühle zu benennen, gibt es eine passende Liste von Gefühlen.

  • einsam
  • traurig
  • verletzt
  • mutlos
  • niedergeschlagen
  • gelähmt
  • bedrückt

d) Beginnen sich Zwänge und Süchte zu zeigen, wenn du den Gedanken glaubst? (Lebst du sie mit einem der folgenden Dinge aus: Alkohol, Drogen, Einkaufen, Essen, Sex, Fernsehen, Computer?)

Ich esse dann gern etwas (meistens Süßes), um runterzukommen und mich besser zu fühlen. Ich greife zu meinem Telefon und geh ins Internet, auf Facebook, Amazon. Auf Facebook lese ich und kommentiere Beiträge. Auf Amazon suche ich mir Sachen aus, kaufe sie aber nicht.

Frau hört etwas über Kopfhörer

e) Wie behandelst du die Person in dieser Situation, wenn du den Gedanken glaubst? Wie behandelst du andere Menschen und dich selbst?

Ich distanziere mich von ihm. Ziehe mich zurück. Ich kann ihm dann schwer „vergeben“, z.B. wenn er kurz darauf gestillt werden will.

Ich weise andere Menschen zurück. Ich will dann selber keine Nähe geben und stoße andere Menschen von mir, z.B. meinen Mann, der mich nur trösten und mir Halt geben will.

4. Frage: Wer wärst du ohne den Gedanken? Wer oder was bist du ohne den Gedanken?

Ich wäre frei. Würde mein Kind so nehmen wie es ist und wie es sich gerade fühlt. Ich könnte lockerer und entspannter mit Sätzen wie „Blöde Mama.“ umgehen, könnte sie leichter nehmen.

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Kehre den Gedanken um.

Aus „Mein Kind liebt mich nicht“ wird in der Umkehrung:

  1. Mein Kind liebt mich.
  2. Ich liebe mich nicht.
  3. Ich liebe mein Kind nicht.

Finde dann mindestens drei konkrete, echte Beispiele, wie jede Umkehrung in dieser Situation für dich wahr ist.

1. Mein Kind liebt mich.

  • Er umarmt und küsst mich, kuschelt mit mir und sucht meine Nähe von sich aus.
  • Er lacht mit mir und lächelt mich an.
  • Er teilt sein liebstes Spielzeug, Essen und Trinken mit mir.
  • Er erzählt und zeigt mir Dinge, die ihm wichtig sind, die ihm gefallen.
  • Er spielt gern mit mir.
  • Er lässt sich von mir trösten und sucht auch bei Kummer meine Nähe.

Kind kuschelt sich an seine Mama

2. Ich liebe mich nicht.

  • Ich bestrafe mich selbst. Beispiel: Mein Mann macht sich Stullen und ich frage ihn, ob ich mal abbeißen kann. Er zieht eine Schnute und schaut auf seine Stulle. Ich verstehe das so, dass er sie nicht gern teilen will und ziehe meine Bitte zickig zurück. Mein Mann bietet mir jetzt seine Stulle an. Ich bleibe stur und will seine Stulle nicht mehr, obwohl ich eigentlich gern reingebissen hätte.
  • Ich mag meinen Körper nicht und finde mich zu dick.
  • Ich mag meine zurückhaltende, schüchterne Art nicht. Ich mag nicht, dass ich meiner Mutter nicht meine Meinung sagen kann, ohne in Tränen auszubrechen. Ich mag meine weinerliche Seite nicht. Ich mag meine schwache Seite nicht. Ich mag meine Unselbstständigkeit nicht. Ich hasse es, dass mir die Meinung anderer Leute immer noch wichtig ist und mich in meinem Handeln einschränkt.
  • Ich lasse über mich bestimmen und stehe nicht für meine Bedürfnisse ein. Beispielsweise, wenn wir eine lange Autofahrt machen und ich fahre, frage ich, ob wir jetzt Pause machen, obwohl mir schon der Hintern weh tut. Sagt mein Mann:“Lass uns weiterfahren, Oliver schläft.“, übergehe ich mein Bedürfnis nach frischer Luft, Beine vertreten, Toilettenbesuch, Gedanken baumeln lassen, Essen/Trinken, allgemein Verschnaufen, weil ich weiterfahre.

3. Ich liebe mein Kind nicht.

  • Ich habe gemeckert, als er in der Beikostzeit das Essen ständig auf den Boden beförderte oder als er ständig überallhin pullerte, nur nicht ins Töpfchen, und mir stolz zeigte, wo er hingepinkelt hatte.
  • Ich bin furchtbar wütend, wenn er mir weh getan hat (körperlich) und mecker ihn an.
  • Wenn er mir weh getan hat (körperlich), tu ich ihm seelisch weh. Ich gehe auf Abstand, verbiete ihm das Stillen. Ich mecker mit ihm. Bin zornig und aggressiv in meiner Sprache.
  • Ich reagiere genervt, wenn er beim Stillen ständig die Seiten wechseln will.
  • Ich will nicht mit ihm spielen und Zeit verbringen, sondern was für mich machen. Allein baden, Beiträge schreiben, ein Buch lesen, aufräumen, Sport machen, einkaufen, raus an die frische Luft gehen.

Das war ein hartes Stück Arbeit für mich und hat mich viel Überwindung gekostet. Gerade beim Part „Ich liebe mich nicht“ und „Ich liebe mein Kind nicht“ habe ich lange gebraucht. Aber es ist meine Wahrheit.

Und so ging ich jeden Glaubenssatz, der mir mit „Blöde Mama“ einfiel, durch und bearbeitete diesen mithilfe des Arbeitsblattes.

Person schreibt etwas auf ein Blatt Papier

Am Ende fiel mir auf:

Es ist nicht das „Blöde Mama.“, das mich so geschockt hatte; es war mein Denken über diesen Satz. Darüber, was es angeblich bedeutet, wenn mein Kind mich blöde Mama nennt.

Im Nachhinein bin ich froh, dass mein Sohn das zu mir gesagt hat – obwohl ich immer noch nicht verstanden habe, weshalb genau er es tat. Woher es überhaupt kam.

Hatte er es aus einer seiner Kinderserien gehört und kopiert? Hatte er es irgendwo anders, z.B draußen auf dem Spielplatz bei anderen Kindern mitbekommen und übernommen? Wollte er diesen Satz auch mal sagen? Einfach mal ausprobieren, was für eine Reaktion er damit erzeugt? Ging es um Aktion-Reaktion? Oder darum, seinen Ärger darüber auszudrücken, dass ich einfach so das fein säuberlich auf der Couch drapierte Tablet gemopst hatte?

Wie gehe ich zukünftig mit einem „Blöde Mama.“ um?

Wie dem auch sei: Ich bin dabei, meine Gedanken zu überprüfen und mich der Wahrheit zu nähern. Sollte ich wieder das „Blöde Mama.“ hören, dann kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich sogar darauf freue.

Ich freue mich auf ein „Blöde Mama.“, weil mein Sohn anscheinend keine Angst davor hat, mir solch einen Spruch ins Gesicht zu sagen. Er kann mir offen und ehrlich seine Meinung sagen, ohne eine Strafe befürchten zu müssen.

Kind will mit Mamas Strohhalm trinken

Ich freue mich auf ein „Blöde Mama.“, weil es bedeutet, dass mein Sohn Kontakt bei mir sucht. Er will mir etwas mitteilen. Vielleicht, dass irgendein Verhalten von mir ihn stört. Es ist gut, das zu hören, denn dann habe ich die Möglichkeit, mit meinem Kind über seine Gedanken und Gefühle zu reden. Aber auch, in mich zu gehen und mein Verhalten wieder einmal zu reflektieren, damit ich es in Zukunft anders handhaben kann.

Ich bin froh, dass ich Byron Katie’s „The Work“ kennen und daraus lernen konnte. Es hilft mir heute wie auch morgen, meine Glaubenssätze zu überprüfen und an mir zu arbeiten.

Konnte ich dich ein wenig für „The Work“ begeistern? Dann schau doch mal in Byron Katie’s Bücherliste*. Vielleicht findest du dort ein passendes Buch für dich und kannst damit anfangen, deine Glaubenssätze zu überprüfen.

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2 Gedanken zu „„Blöde Mama.“

  1. Wenn er mir weh getan hat (körperlich), tu ich ihm seelisch weh. Ich gehe auf Abstand, verbiete ihm das Stillen. Ich mecker mit ihm. Bin zornig und aggressiv in meiner Sprache.

    -> du verbietet ihm das stillen?

    • Hallo Melsim,
      dass ich in solchen Momenten ungern stille, kommt dem Ganzen wohl näher. Ich vermeide dann, zu stillen. Aber wenn mein Sohn es bräuchte, gestillt zu werden, lasse ich das auch zu.
      Verbieten könnte ich es tatsächlich nicht. Ich mache es aber nicht gern, wie sonst, wenn gerade alles gut läuft. Verstehst du?
      Liebe Grüße
      Julia

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