Die Geburt meines Sohnes

Geburt - Baby im Arm

Wenn man sich die Geburt des Kindes ganz genau ausgemalt hat: im Geburtshaus… natürlich… in der Wanne… wie man sich unendlich in sein Baby verliebt… wie man sein Baby in den Armen hält und nie wieder loslassen will…

Und wenn dann wirklich absolut ALLES anders läuft…

Darüber erzähle ich jetzt.

Die Geburt meines Sohnes

„Frau Braun! Sind Sie wach? Können Sie mich hören? Frau Bra-haun!“ Eine nervige Stimme holt mich aus der Vollnarkose, in der ich zuvor nichts als das bloße Schwarz erlebt hatte. Kein Traum, keine Angst und keine Tränen mehr, einfach nichts.

Ich sehe alles noch verschwommen, wie durch Milchglas, und stehe total neben mir. Erkennen kann ich nur, dass ich jetzt wieder zurück im Kreißsaal bin und blicke nach rechts, um nach Mathi, meinem Freund, zu sehen. Er ist da. Gut. Und er hält etwas in den Armen. Es ist mein Baby, das noch wenige Minuten zuvor in meinem Bauch lag.

Als man es mir gibt, kann ich es kaum glauben. Das ist mein Baby? Es kam mir alles so irreal vor und ich konnte noch tagelang nicht begreifen, dass ich jetzt Mutter war und das kleine Wesen in meinen Armen mein Kind. Anfangs war ich so schwach, dass ich ihn gar nicht halten konnte.

Nach 3 Stunden stille ich das 1. Mal mein Baby, zumindest steht es so in den Unterlagen. Ich persönlich hatte absolut kein Zeitgefühl. Ich sehe nur in die dunklen Augen meines Babys, das beim Stillen wohlig grunzt. „Es ist so schrumpelig!“, schießt es mir durch den Kopf. Er sah wirklich aus wie ein kleiner, alter Mann.

2980 g, 48 cm. Er war so winzig, dass ich von den Ärzten gefragt wurde, ob ich während der Schwangerschaft geraucht hätte! Absurd! So etwas würde ich nie tun! Und Riesen sind Mathi und ich nun wirklich nicht. Also warum sollte unser Baby es sein? „Blass ist er…“, sagten sie zu ihm. Ich war beleidigt. In meinen Augen war er wunderschön. Trotz der vielen Falten und der schrumpeligen, dünnen Fingerchen.

Doch beginnen wir von vorne

Es war der 15.03.2015 und es war bereits spät. Mit meinem fetten Kugelbauch bewegte ich mich gemächlich in Richtung Schlafzimmer und versuchte, im Bett eine annähernd angenehme Position in Seitenlage einzunehmen. Irgendwann döste ich ein.

An richtiges Schlafen war seit der Schwangerschaft nicht mehr zu denken. Unzählige Male wachte ich auf und meine Nase war, sobald ich mich hinlegte, verstopft wie bei einer fiesen Erkältung.

Geburt - Frau ist nachts wach

Auch dieses Mal wachte ich wie üblich mitten in der Nacht auf, so etwa gegen 02:00 Uhr. Meine Blase drückte. Ich rollte mich vorschriftsmäßig vom Wasserbett herunter und schlich mit leisen Sohlen ins Bad.

Als ich im Bad war, merkte ich, dass meine Unterwäsche komplett nass war und ich fragte mich, ob ich eingepullert hatte. Von Schwangeren mit schwacher Beckenbodenmuskulatur und Blase hatte ich ja schon zur Genüge gelesen. Ich entschied mich dafür, dass ich mehr für meinen Beckenboden trainieren müsse und machte alles sauber, zog mich um und wollte wieder zurück ins Bett. Da spürte ich plötzlich, wie mir etwas Nasses die Beine hinunter rann. Ich blieb stehen und glotzte nach unten. Ich war mir nicht sicher. Hatte ich gerade schon wieder eingepullert? Ich war doch gerade eben auf dem Klo! SO schlecht kann mein Beckenboden jetzt aber nicht sein. Oder ist es der Blasensprung, von dem ich immerzu gehört und gelesen hatte?

Langsam machte sich in mir ein ungutes Gefühl breit. Ich setzte mich nochmal auf die Toilette, mein Herz klopfte, ich machte wieder alles sauber, zog mich um, doch es passierte wieder genau das gleiche wie zuvor.

Ich traute mich nicht mehr vom Klo runter und rief Mathi, aber er hörte mich nicht, denn er schlief bereits tief und fest. In mir breitete sich Panik aus und ich begann vor lauter Stress zu weinen.

Irgendwann hörte mich Mathi dann doch und gab mir das Telefon, damit ich die Bereitschaftshebamme anrufen konnte. Ich war total nervös und traute mich erst nicht, sie mitten in der Nacht anzurufen (es war inzwischen 02:30 Uhr). Was, wenn das jetzt falscher Alarm ist? Dann habe ich sie ganz umsonst geweckt!

Wahrscheinlich fasst ihr euch gerade an den Kopf und denkt „Boah! Jetzt ruf endlich an! Deine Fruchtblase ist geplatzt!“, aber ihr müsst wissen, dass das meine 1. Schwangerschaft war. Ich hatte mir zwar das theoretische Wissen angeeignet, aber seien wir ehrlich: die Praxis ist nochmal eine ganz andere Hausnummer!

Irgendwann überwand ich mich und rief an und fing auch gleich wieder an zu weinen, als ich der wirklich super netten Hebamme am Telefon meine Lage schilderte.

Sie sagte, alles kein Grund zur Sorge! Wir sollten jetzt noch versuchen Kraft zu tanken, denn um 09:00 Uhr würden wir uns im Geburtshaus treffen. Oh mein Gott! Es geht los!

Wir waren total aufgeregt, schafften es aber dann doch irgendwann nochmal einzuschlafen.

Morgens kaufte Mathi einen Haufen Zeugs ein, damit es mir an diesem besonderen Tag an nichts fehlen sollte. Er traute sich erst nicht, mich auch nur für wenige Minuten allein zu lassen, aber mir ging es prima, alles war gut.

Die Geburt meines Sohnes - Mutter mit Kugelbauch

 

Wir trafen dann wie verabredet im Geburtshaus Hellersdorf ein und wurden auch gleich von der Leiterin empfangen. Wir wurden in einen wunderschönen, gemütlichen Raum geführt. Dort gab es dann Wehentee, ein beruhigendes Gespräch und sogar eine Akupunktur.

Die Leiterin gab uns Globulis mit einer Liste, wann diese einzunehmen sind, mit auf den Weg und empfahl uns, viel spazieren zu gehen. Wir würden uns dann abends mit der Bereitschaftshebamme treffen und dann weiterschauen.

Gesagt, getan, aber irgendwie tat sich nichts bei mir. Ich bildete mir immer ein, dass das, was ich fühlte, bereits Wehen waren, schließlich musste ja jetzt mal was passieren, aber tatsächlich waren es keine.

Abends kamen wir dann mit all unserem Kram zum Geburtshaus. Jetzt konnte es losgehen! Mit Babyschale, Babysachen, Essen, Trinken, Klamotten, Rucksack und und und waren wir ausgestattet und richteten uns in unserem Zimmer ein.

Geburt - warmes Licht

Auch hier war die Atmosphäre einfach fantastisch. Es brannten Kerzen, ein herrlich duftendes Aroma breitete sich im Raum aus, das Licht war angenehm warm. Unser Raum war mit einem schönen großen Bett, Stühlen, Tischen, einer Wiege usw. gemütlich eingerichtet und ich fühlte mich absolut geborgen und entspannt.

Der Einlauf

Bisher musste ich so etwas noch nie bei mir machen lassen: einen Einlauf. Was ist das überhaupt genau? Euch wird ein dünner Schlauch in den Po eingeführt und dann Wasser durch diesen Schlauch in euren Körper geleitet. Wenn ihr ein Druckgefühl bekommt, hört die Hebamme auf, entfernt den Schlauch behutsam und verlässt den Raum, damit ihr noch ein wenig aushaltet und rumlauft.

Wenn ihr merkt, jetzt geht es nicht mehr, macht ihr wie gewohnt auf der Toilette euer Geschäft. Die Hebamme bleibt solange draußen, damit ihr ungestört seid und eure Privatsphäre habt und euch nicht schämen müsst.

Als das geschafft war, untersuchte die Hebamme bei mir, wie weit der Muttermund schon geöffnet war. Nichts! Nicht mal ein bisschen! Und noch keine Wehen!

Langsam wurde es kritisch. Die Hebamme gab uns bis 22:00 Uhr Zeit, dass die Wehen einsetzten und der Muttermund sich etwas geöffnet hatte, ansonsten müssten wir ins Krankenhaus, denn die Gefahr einer Infektion steigt, wenn der Blasensprung bereits einige Zeit zurück liegt.

Na toll! Eine Geburt im Krankenhaus kam für mich gar nicht infrage! Es ist so steril da drin, das Licht ist grell, die Mitarbeiter unfreundlich, es stinkt nach Desinfektionsmittel und ist alles andere als gemütlich. Zumindest stellte ich mir Krankenhäuser immer so vor.

Wir spazierten noch draußen im Dunkeln umher und ich spürte ansatzweise eine Wehe, aber es war nicht genug. Der Muttermund hatte sich kein Stück geöffnet. Wir mussten jetzt ins Krankenhaus, um dort wehenfördernde Tabletten zu bekommen und die Geburt voranzutreiben.

Die Hebamme empfahl uns das Vivantes Klinikum in Kreuzberg. Da wir keine Eile hatten, konnten wir die Zeit nutzen, wenigstens in ein gutes zu fahren.

Meine Eltern machten sich sofort auf den Weg, um uns dort abzuladen, da ich logischerweise nicht fahren durfte und Mathi keinen Führerschein hatte.

Die 1. Schicht

Die 1. Ärztin, die zu uns kam, war absolut unsympathisch, arrogant und unhöflich noch dazu! Wir wussten ja, dass wir Tabletten zur Wehenförderung bekämen, aber als uns die Ärztin gleich Antibiotika geben wollte – nur für den Fall – stellten wir einige Fragen, um uns zu informieren. Und sie antwortete pampig:“Ich habe jetzt auch keine Lust, das mit Ihnen zu diskutieren!“ Und ich hatte absolut keine Lust, in diesem Krankenhaus mein Kind zur Welt zu bringen und dann auch noch so eine ungemütliche Wetterhexe wie sie an meiner Seite zu haben! Die Hebamme ging ja noch, war jetzt aber auch nicht mein Favorit. Ich hätte lieber meine Hebamme vom Geburtshaus dabei gehabt, aber die durfte das aus versicherungsrechtlichen Dingen oder was weiß ich nicht.

Zurück zur Ärztin, die jetzt mit dem Chefarzt telefonierte und sich in unserer Gegenwart über uns beschwerte:“Ja, unverantwortlich…!“, sagte sie. Sie stellte es so dar, als wollten wir das Antibiotikum nicht nehmen. Tatsächlich hatten wir aber nur Fragen über Nebenwirkungen etc. gestellt. Anscheinend wollte sie nur Patienten, die zu allem „Ja, immer her damit!“ sagen…

Nichtsdestotrotz entschied ich mich dafür, das Antibiotikum zu nehmen (was sich später laut Ärzten als richtige Entscheidung erwies). Dennoch war ich geknickt. Der Plan einer natürlichen Geburt rückte immer weiter weg.

Die Tabletten bekam ich allerdings nicht sofort. Es musste noch diverser Papierkram unterschrieben werden, der Chefarzt – der noch nicht da war – sollte mich auch nochmal untersuchen und zwischendurch kamen immer wieder Notfälle herein, die für die Ärzte natürlich Priorität hatten.

So kam es also, dass die 1. Schicht bereits wieder nach Hause gehen konnte und ich erst von der 2. Schicht die Tabletten zur Wehenförderung bekam.

Die 2. Schicht

Wenigstens war die 2. Schicht ein absoluter Traum! Die Hebamme war so freundlich, lieb, hilfsbereit, einfühlsam, liebevoll. Ich fühlte mich bei ihr richtig wohl.

Mit Mathi ging ich – es war bereits Morgen – im Park, der vor dem Krankenhaus lag, spazieren. Es war ein herrliches Wetter, die Sonne schien, die Schwäne schwammen auf dem Wasser, die Vögel zwitscherten. Es kam mir irgendwie irreal vor. Für wenige Momente musste ich während unseres Spaziergangs immer innehalten, stehenbleiben und atmen – Mathi hielt mich dabei so gut er konnte – und dann ging es wieder und wir konnten unseren Gang fortsetzen.

Geburt - Schwan auf Wasser

Auch Besuch bekamen wir in der Zwischenzeit: Mathis Mutti wollte natürlich sehen, ob mit uns alles ok war und uns unterstützen. Wir waren bereits im Kreißsaal und hundemüde. Immer wieder durchzog es meinen Körper mit einem fiesen Ziehen und ich musste tiiiiiiief ausatmen, um den Schmerz erträglich zu machen.

Im Geburtsvorbereitungskurs hatten wir einmal das Atmen geübt und sollten ausprobieren, welcher Laut uns beim Ausatmen am Angenehmsten war. Im Kurs kam mir das etwas albern vor, aber jetzt – im Krankenhaus – war ein tiefes „Aaaaaaaaaaaah!“ genau das Richtige für mich. Nebenan schrie sich eine Gebärende bereits die Seele aus dem Leib. Ich bekam Panik. Das, was ich jetzt fühlte, war ja schon fies. Wie würde es erst bei der Geburt werden?

Ich merkte auch, wie mich die immer wiederkehrenden Schmerzen allmählich an den Rand der Erschöpfung trieben. Mathi versuchte, mir zu helfen, mir zu sagen, ich solle atmen. Hilfreich fand ich das in dem Moment nicht und ich bat ihn möglichst freundlich, damit aufzuhören. Inzwischen verabschiedete sich auch Mathis Mutti. Aufgrund der voranschreitenden Zeit kam immer mal wieder eine Hebamme oder ein Arzt herein, um mir eine PDA anzubieten. „Auf keinen Fall!“, dachte ich. Ich würde mich wie eine Versagerin fühlen, wenn ich jetzt schon ein Schmerzmittel bräuchte! Doch der Wunsch danach kam immer wieder, mit jeder Wehe, und ich biss mir auf die Lippen, um nicht zu sagen:“Okay, verdammt, gebt mir eine PDA!“.

Zwischendurch wurde auch immer wieder mein Muttermund kontrolliert, da ich schon ziemlich laut ausatmen musste. Die Hebamme kam herein und sagte:“Na das hört sich doch schon sehr gut an.“, doch bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass der Muttermund keinen einzigen verdammten Zentimeter geöffnet war! Ich wurde verrückt! Und wütend! Ich hätte am liebsten geheult und geschrien und irgendetwas an die Wand geschmissen! Aber da kam schon wieder eine Wehe…

PDA

Stundenlang kamen Wehen. Und ich ertrug sie. Ich hatte mir meine angenehmste Position gesucht – auf den Knien abgestützt, die Arme auf das Bett, der Kopf darauf liegend und Mathi streichelte die ganze Zeit über meinen Rücken. Ich war in dieser Zeit wie in Trance und bekam rein gar nichts von dem, was um mich herum geschah, mit. Ich machte einfach nur noch die Wehen mit, atmete laut mit „Aaaaaaaaaah!“ und merkte zusehends, wie ich nicht mehr konnte.

Und dann hörte ich mich voller Scham sagen:“Ich glaube, ich nehme jetzt doch eine PDA.“ Und ich war maßlos von mir enttäuscht. Ich fühlte mich wie ein Versager. War nicht ich diejenige gewesen, die auf keinen Fall Medikamente nehmen wollte? Die keine PDA wollte? Was war mit natürlicher Geburt im Geburtshaus geworden? In dem Moment war es mir egal geworden, glaube ich. Ich wollte nur noch, dass es weitergeht und irgendwann zu Ende ist.

Ohne großes Gewese wurde alles Notwendige arrangiert, Papiere unterzeichnet usw. Ich war totmüde, erschöpft, total k.o. und wollte nur noch schlafen. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil zumindest ich ein Bett zur Verfügung hatte; Mathi hingegen musste versuchen, auf dem Besucherstuhl zu schlafen. Zwischendurch quetschten wir uns sogar gemeinsam auf das schmale Bett und versuchten, kurz Kraft zu tanken.

Wie die Ärztin aussah, die mir die PDA verpasste, weiß ich gar nicht mehr. Ich erinnere mich nur an ihre verdammt nervige Stimme.

Ich saß mittlerweile auf dem Bett, um mich etwas zu erholen, als sie hereinkam. Sie sagte, ich solle mich jetzt mal aufrichten und ganz weit nach vorn beugen, damit sie die Nadel setzen können. Aber ich war wohl stattdessen kurz eingenickt vor lauter Erschöpfung. Als sie merkte, dass ich keine Anstalten machen, ihrer Bitte Folge zu leisten, kam ein pampiges „Frau Braun, Sie müssen jetzt auch mal mitmachen!“… Ich hätte ihr am liebsten gesagt, sie soll wieder gehen und mich in Ruhe schlafen lassen, aber selbst in diesem Moment hatte ich noch genügend Anstand, es nicht zu tun und richtete mich mühsam auf.

Immer wieder kam eine Wehe und ich sollte Bescheid geben, wenn eine vorbei war, sollte ganz still sitzen, mich keinen Deut bewegen, den Kopf ganz weit nach vorn beugen. Es war eine echt unangenehme Position. Vor allem mit dem Kugelbauch. Ich hatte das Gefühl, dass jedes Mal, wenn eine Wehe kam, gleich wieder eine kam. Die Ärztin wollte das nicht glauben, als ich immer wieder kurz angebunden (ich musste ja atmen) „WEHE!“ sagte. Also wurde ich an den Wehenschreiber angestöpselt, nur damit sie sehen konnte, dass da wirklich Wehen kamen… Und irgendwann hatte sie den Moment abgepasst und mir die Nadel gesetzt.

Als die PDA wirkte, ging es mir schlagartig besser. Ich konnte wieder klar denken, mich mit Mathi unterhalten, meine Umgebung wieder wahrnehmen. Auch dem Arzt fiel mein besserer Gemütszustand auf.

Auch beim Muttermund hatte sich inzwischen etwas getan: 3 cm! Na immerhin!

Von mir aus können wir jetzt loslegen, dachte ich. Die Wehen, die jetzt kamen, waren ein Klacks im Vergleich zu denen davor.


Die 3. Schicht

So verging die Zeit. Und die 2. Schicht trat den Heimweg an. Aber auch mit der 3. Schicht hatten wir Glück. Auch hier waren die Mitarbeiter sehr nett zu uns und gaben sich die größte Mühe, es uns so angenehm wie möglich zu machen.

Die Herztöne von unserem Baby wurden weiterhin kontrolliert, aber jetzt fing das Kontrollgerät auf einmal an zu piepen und der Arzt betrat das Zimmer. Die Herztöne gingen aus irgendeinem unbekannten Grund runter.

Und der Arzt erklärte uns so behutsam wie möglich, dass, wenn die Herztöne jetzt weiterhin so schlecht sind, unser Baby über Kaiserschnitt geholt werden müsse.

Was war nur los mit dem kleinen Würmchen in meinem Bauch? Ich machte mir unendlich viele Sorgen!

Und es kam, wie es kommen musste. Und ich hatte auch nichts anderes nach diesen Stunden erwartet, ehrlich gesagt. Immerhin ging ja bereits alles schief, was ich mir bisher gewünscht hatte. Warum sollten also die Herztöne meines Babys wieder hochgehen?

Und obwohl ich mich auf den Gedanken an einen Kaiserschnitt vorbereitet hatte, traf es mich wie ein Schlag mitten ins Gesicht, als der Arzt uns verkündete, sie müssten jetzt das Baby holen – sogar per Notkaiserschnitt, denn er wisse nicht, warum bei jeder Wehe die Herztöne des Kleinen runtergehen würden.

Notkaiserschnitt. Das bedeutete für Mathi, dass er nicht dabei sein durfte. Und für mich bedeutete das Vollnarkose. Ich würde die Geburt meines Sohnes nicht miterleben. Sein erstes Geräusch, seinen ersten Blick, wenn er die Augen öffnet, seinen ersten Geruch… all das. Stattdessen würde ich wie ein Schwein aufgeschnippelt, mein Baby mit stinkenden Gummihandschuhen aus mir herausgeschnippelt und in ein totes Stück Stoff gewickelt werden. Es würde mir nicht sofort auf die Brust gelegt werden, damit es meinen Geruch wahrnehmen und meine Wärme spüren konnte, damit es sich sicher, wohl und geborgen fühlen konnte. Es würde vor lauter Panik gar nicht weiter wissen und weinen und schreien, denn auf einmal ist ja alles kalt und grell und laut, nicht mehr warm und gemütlich und gedämpft. Es würde zu mir wollen, aber ich wäre nicht für es da… Mein Körper würde später denken, mein Baby sei tot, wie ich in einem Buch gelesen hatte. Ich würde mein Kind nicht lieben können wie eine Mutter, die ihr Kind auf natürliche Weise auf die Welt gebracht hat. Es würden Stillprobleme kommen. Vielleicht würde ich gar nicht stillen können.

Kopf in den Händen

All dieser Wust an Informationen und Gefühlen schoss durch meinen Kopf und in all meiner Angst und Trauer machte ich das, was mir in dieser Lage am meisten half: Ich fing furchtbar an zu weinen. Und ich konnte nicht mehr aufhören. Ich wusste, dass ich mein Baby dadurch mit Stresshormonen nur so vollpumpen würde, doch ich konnte einfach nicht anders. Und es ergriff Mathi dermaßen, dass er mit mir weinte. Wir hatten es uns eben anders vorgestellt. Völlig anders. Und nun traf das ein, was wir am wenigsten wollten. Und mehr machen, als zu weinen, kann man dann nicht.

Und als wir einwilligten, trommelte der Arzt alle notwendigen Leute zusammen. Er bereitete uns darauf vor, dass jetzt alles ganz schnell gehen würde.

Währenddessen starrten wir gemeinsam mit der Hebamme auf die Herztöne des Babys, auf dass sie sich wieder besserten. Und tatsächlich! Sie gingen wieder hoch! Die Hebamme sprang aus dem Zimmer, um den Arzt zu informieren! Jetzt wird alles gut, dachte ich! Ich kann doch normal entbinden!

Aber für den Arzt, der bereits alle um sich geschart hatte, war die Zeit zu lang fortgeschritten, in der die Herztöne so lange unten waren. Es ging los!

Ich wurde von Leuten, die ich nicht kannte, auf meinem Bett in den OP gerollt. Der Abschied von Mathi tat mir unendlich weh und ich musste wieder weinen. Ich wollte ihn bei mir haben, aber das ging nicht.

Jetzt wurde ich auf einen anderen Tisch gehievt und dann bekam ich eine Maske auf, damit ich narkotisiert werden konnte. Und dann war alles Schwarz. Den Rest, wie ich aufwachte, wie ich das winzige Schrumpelfüßchen erblickte, kennt ihr.

Die Kaiserschnittnarbe

Die Narbe war echt gut gemacht, das musste ich den Chirurgen lassen. Sie tat zwar einige Monate etwas weh und ziepte, aber ich hatte schon Schlimmeres von anderen Müttern mit Kaiserschnitt gehört. Meine Narbe war weder wulstig noch besonders auffällig, und sie riss auch nie auf. Gott bewahre, wenn ich daran denke, dass noch so etwas hätte passieren können!

Aber jedes Mal, wenn ich über meinen Bauch strich, der jetzt gar nicht mehr schön prall und kugelrund war, sondern nur noch schwabbelig, und mich furchtbar erschreckte und manchmal sogar anwiderte, fühlte ich nichts. Rein gar nichts. Durch den Kaiserschnitt wurden zig Nerven durchtrennt.

Manchmal, wenn Mathi meinen Bauch streichelte, fühlte es sich an wie ein verdammt schlimmer Sonnenbrand. Es war mir unangenehm, wenn er oder ich über meinen Bauch fuhr. Es gab Zeiten, in denen ich es nicht einmal mehr zuließ, dass über meinen Bauch gefahren wurde. Es kam mir vor, als würde dieser Teil meines Bauchs nicht mehr zu mir gehören, denn ich spürte ja nichts mehr. Ich bangte, dass ich dort nie wieder etwas fühlen könnte.

Und tatsächlich sollte es etwa 1 Jahr dauern, bis ich wieder etwas fühlen konnte und es für mich auch wieder normal war, über meinen Bauch zu streichen.

Wochenbett

Wir beschlossen kurzerhand, nach der Geburt im Krankenhaus zu bleiben und uns ein Zimmer zu nehmen. Mathi sagte auf Arbeit Bescheid und verbrachte die Tage gemeinsam mit unserem Baby und mir. Wir machten es uns so richtig gemütlich und gingen kaum aus unserem Nest raus.

Geburt - Papa und Baby

Unser Zimmer lag ganz am Ende des Flurs. Keiner störte uns. Nur die Essensfrau und ab und zu mal eine Hebamme kamen herein, um sich um uns zu kümmern. Der Kleine schlief die ganze Zeit über, und wenn er mal nicht schlief, dann trank er, als gäbe es kein Morgen mehr.

Dass ich mein Baby nicht mehr hergeben wollte, kennt wohl jede Mutter. Wenn es Nacht wurde, ließ ich es in meinen Armen schlafen. Wenn es Durst hatte, war ich sofort da und konnte es stillen. Die Hebammen sagten uns, wir dürften das bloß nicht die Ärzte wissen lassen, aber das war uns sowas von egal, was die uns sagen würden. Wenigstens, was dieses Thema anging, konnten wir selbst entscheiden. Und das ließen wir uns nicht nehmen.

Und anders wäre es auch gar nicht möglich gewesen, wenn man überlegt, dass ich so schwach war, dass ich mein Baby gar nicht halten konnte! Jedes Mal, wenn der kleine Nimmersatt von der Brust abging und nicht mehr von allein rankam, musste Mathi aufstehen, ihn hochnehmen und ihn so anlegen, dass er wieder trinken konnte. Ich war unheimlich froh, ihn an meiner Seite zu haben. Ich weiß nicht, was ich allein in diesem Zimmer gemacht hätte. Die Hebammen hätten sich wohl noch lange nach meiner Abreise an mich erinnert, denke ich.

Und so verbrachten wir ein paar Tage im Krankenhaus. Es kam auch Besuch (an den ich mich kaum noch erinnere, ich war noch ziemlich neben der Spur) und alle bewunderten den süßen Spatz, der in meinen Augen wie ein alter Mann aussah.

Auch der Chirurg, der den Kaiserschnitt gemacht hatte, stellte sich bei uns in aller Ruhe vor und erklärte uns ausführlich, woran es nun gelegen hatte, dass die Herztöne des Kleinen bei jeder Wehe runtergingen: Es lag an der Nabelschnur, die um seinen Hals gewickelt war. Mit jeder Wehe wurde er nach unten gedrückt und die Nabelschnur schnürte seinen Hals zu, sodass er kaum Sauerstoff bekam.

Ab nach Hause

So vergingen die Tage und nach und nach konnte ich mich besser aufrichten. Den Bauch durfte ich auf keinen Fall anspannen wegen der Narbe. Vorsichtig begann ich, ein paar Schritte zu gehen. Erst vom Bett runter, dann zum Bad, dann ins Bad, dann in die Dusche (da brauchte ich noch Hilfe), dann zur Untersuchung den Gang hinunter. Es ging voran und gegen Ende der Woche wurden wir von meinen Großeltern nach Hause gefahren.

Zu Hause war alles nochmal ganz neu für uns. Im Wasserbett durfte unser Baby ja nicht schlafen, aus Sicherheitsgründen. Aber ich durfte das Bett ja erst mal nicht verlassen. Wenn der Kleine in seinem Korb auf Rädern schlief, versuchte ich auch zu schlafen. Mathi brachte ihn mir dann, wenn er hungrig war. Aber so ganz ideal fand ich das nicht. Er wollte in meinen Armen sein und wachte sofort auf, wenn wir versuchten, ihn ins Bett zu legen.

Diese Zeit war hart. Doch sie besserte sich, als Mathi für 2 Wochen wegen seiner Arbeit nach Saarbrücken reisen musste. Ich war zwar super aufgeregt, weil ich mich dann ganz allein um den Kleinen kümmern musste – neben Haushalt, Essen machen usw. – aber zumindest die Nächte wurden ruhiger, weil ich ihn bei mir schlafen ließ, obwohl Mathi meinte, ich solle ihn in sein Bettchen legen, wenn er eingeschlafen sei. Aber das Risiko, dass er wieder aufwachte, wollte ich nicht eingehen. Also verbrachten wir die Zeit zu zweit entweder im Schaukelstuhl oder auf der Couch, auf die ich gezogen war, damit er bei mir schlafen konnte.

Geburt - Baby schläft

Und irgendwann hatten wir uns aneinander gewöhnt und langsam und allmählich den Bogen raus. Doch es war nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen, wie einem immer vorgegaukelt wird.

Noch heute gibt es Momente, in denen ich an meiner echten Mutterliebe zu meinem Sohn zweifle. Ich höre dann immer von allen, dass das, was in den Büchern stand, völliger Quatsch ist, dass das nicht wahr ist und sie hätten nie eine liebevollere und geduldigere Mutter erlebt und dass ich das toll mache und dass wir das schaffen würden. Aber gegen dieses komische Gefühl komme ich nicht an, egal, was andere sagen.

Ich fühle mich, wenn ich zurück denke, immer noch als Versagerin! Ich bin wütend auf mich, dass ich es nicht allein geschafft habe und wahnsinnig enttäuscht von mir. Ich male mir aus, wie es unser Sohn unter anderen Umständen – ohne Krankenhaus, ohne PDA, ohne Kaiserschnitt und Ärzte usw. – vielleicht nicht geschafft hätte, lebend auf die Welt zu kommen.

Es gibt Zeiten, in denen mich mein Kind wütend macht, in denen ich nicht mehr kann, in denen ich müde und erschöpft bin, in denen ich für mich sein will. Und dann kommt wieder die Frage „Würde eine „richtige“ Mutter auch so etwas denken?“.

Sogar nach mehr als einem Jahr nach der Geburt meines Sohnes kommen mir die Tränen, wenn ich mir dieses Ereignis in Erinnerung rufe. Selbst, als ich diesen Bericht geschrieben habe, musste ich an einigen Passagen halten und erst mal in Ruhe weinen. Es gibt noch viel zu verarbeiten.

Und nicht nur ich muss verarbeiten. Auch Mathi. Auch er muss weinen, wenn wir aus irgendeinem Grund wieder von der Geburt sprechen. Alle sagen, wir müssen darüber reden, reden, reden, sprechen, sprechen, sprechen, um das Trauma zu verarbeiten. Aber jeder macht das auf seine Weise. Ich für meinen Teil bin wieder einen Schritt gegangen, indem ich nochmal alles Revue passieren ließ. Und es war gut, auch wenn es weh tat.

Was ich gelernt habe

Was hat mich dieses doch ziemlich traumatische Ereignis gelehrt? Vor allem etwas, das ich zwar schon kannte, aber nicht auf die Geburt meines Sohnes anwenden wollte: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt! Man kann nichts planen und vor allem nicht die Geburt. Das wurde mir hiernach eindeutig klar. Die Ärzte meinten, ich könne trotz Kaiserschnitt die nächsten Kinder auf natürliche Weise gebären, da mein Körper eigentlich „weiß“, wie es geht. Nur bei dieser Geburt hat es nunmal leider nicht geklappt. Für die nächsten Kinder – sollten wir diesen Schritt jemals wagen – werde ich mir nicht so viele Gedanken machen. Ich werde so lässig wie es geht an die Sache rangehen und hoffentlich im Geburtshaus gebären können. Und wenn es auch bei den zukünftigen Geburten nicht der Fall sein sollte, dann ist das halt so. Ich werde meine Kinder trotzdem lieben können, auch wenn ich manchmal von Zweifeln überhäuft werde.

Zum Schluss möchte ich euch dafür danken, dass ihr euch diesen Brocken durchgelesen und mir zugehört habt.

Wenn auch ihr über eure Geburt – sei es wie eine aus dem Bilderbuch oder aus einer Horrorgeschichte – reden wollt, dann schreibt mir. Ich höre euch zu.

Über Julia

Hallo! Ich bin Julia, 26 Jahre alt und blogge seit 2016. Ich bin Mutter eines kleinen Mannes (geb. 2015) und bastel mit Leidenschaft.
Hat dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn doch mit deinen Freunden und folge mir auf Facebook oder hinterlasse uns einen Kommentar.


2 Gedanken zu „Die Geburt meines Sohnes

  1. Da habt ihr ja wirklich ein ganzes Abenteuer hinter euch. Ich hatte zugegebener Maßen versucht, möglichst wenig zu planen und hatte wenig Ansprüche. Der Kreißsaal im Krankenhaus war eigentlich auch ganz nett, schade war nur, dass die Hebamme irgendwie 3 Geburten parallel betreut hat und ich sie zwischendrin gut hätte gebrauchen können. So fühlten wir uns oft ein wenig allein gelassen mit dieser ungewohnten Situation.

    Doch nun erstmal das wichtigste: DU HAST NICHT VERSAGT! Nicht im Mindesten! Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich in dieser Ausnahmesituation Hilfe zu holen, auch in Form von Medikamenten. Mein Mann glaubt – und manchmal stimme ich ihm zu – wenn ich eine PDA gehabt hätte, wäre es mit der Geburt vielleicht runder gelaufen. Ich habe immer ziemliche Angst vor Schmerzen und irgendwie scheint das unterbewusst dazu geführt zu haben, dass die Wehen nie ausreichten, um unsere Kleine dann auch wirklich „raus zu bringen“. Auch bei uns fielen die Herztöne ab und alles wurde ganz hektisch, als dann die Saugglocke geholt wurde, um die Geburt endlich zu beenden. Ich hatte da ähnliche Gefühle von „Versagen“, weil ich es ja eigentlich nicht allein geschafft habe.

    Wären unsere Kinder zu einer anderen Zeit oder in einem anderen Land geboren worden, hätten sie es womöglich nicht überlebt. Vielleicht hätten auch wir das so nicht überlebt. Daher bin ich einfach dankbar, dass die Medizin hier bei uns soweit ist, eine solche Situation trotzdem zu retten.

    Übrigens: Ich hatte unsere Kleine direkt nach der Entbindung zwar auf dem Bauch, musste sie aber auch wieder abgeben, weil die Nachgeburt leider auch kein Zuckerschlecken war und ich echt Angst hatte, ihr weh zu tun. (Bei der Nachgeburt war nicht alles rausgekommen, weswegen ausgeschabt werden musste.)

    Und noch eine Ergänzung: Auch die Selbstzweifel im Wochenbett kenne ich gut. Manchmal habe ich einfach nur dagesessen und mit der Kleinen auf dem Arm geheult, weil ich sie einfach nicht beruhigen konnte. Da war ich froh, wenn mein Mann sie mir dann abgenommen hat. Manchmal frustriert mich das auch heute noch, auch wenn ich nicht mehr gleich in Tränen ausbreche. ^^‘

    Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute und hoffe, es hat dir geholfen, über eure Geburt zu berichten. Mir ging es vor einigen Wochen (fühlt sich an wie eine Ewigkeit) zumindest so. 🙂

    • Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Das hat mich ungemein gestärkt und mir Mut gegeben.
      Bei mir war keine Nachgeburt mehr… glaube ich. Es hatte noch ein wenig geziept, aber durch den Kaiserschnitt wurde alles ausgeschabt. Das blieb mir dann erspart. Hört sich aber auch nicht gerade angenehm an, so eine Nachgeburt… Ich erinnere mich noch wage daran, dass sie uns die Plazenta gezeigt haben. Aber ich war noch so benebelt, dass es mir in der Erinnerung wie ein Traum vorkommt. Ich erinnere mich an ein Muster wie ein Baum mit weit verzweigten Ästen… Hast du auch deine Plazenta gesehen? Einige essen sie ja sogar bzw. ein Stück davon oder machen Globulis draus 🙂 Was es nicht alles gibt…
      Und ja, das vielen Weinen… ich habe anfangs bei jeder Kleinigkeit geheult. Was denkst du, was ich geheult habe, als mein Mann ein paar Wochen nach Saarbrücken reisen musste und ich ganz allein mit dem Kleinen war… Aber das lag an den Hormonen. Auch in der Schwangerschaft hab ich geheult und war ganz sensibel. Jetzt hat man sich aufeinander eingestellt und es geht seinen Gang 🙂
      Ich wünsche auch euch ein wundervolle Zeit mit eurer kleinen Familie 🙂

Hinterlasse einen Kommentar