GFK üben: Geschenk geklaut

Vor einigen Tagen ist mir etwas wirklich Nerven Aufreibendes passiert. Im heutigen Beitrag möchte ich dir von meiner Geschichte erzählen und dir einen Einblick in die Gewaltfreie Kommunikation geben, in der es z.B. darum geht, sich in sich selbst hineinzufühlen.

GFK üben: Geschenk geklaut

Täglich passieren uns etliche Situationen, die uns im Nachhinein noch beschäftigen und innerlich aufwühlen. Meiner Ansicht nach geschieht das, weil wir uns noch nicht mit der gesamten Situation auseinander gesetzt haben. Wir leben in einer derart schnellen Zeit, dass wir uns oftmals gar nicht in Ruhe hinsetzen und Vergangenes nochmal rekapitulieren.

Wozu?, mag jetzt manch eine/r denken. Wozu sich die Mühe machen und eine längst vergangene Situation hervorkramen? Der Drops ist doch jetzt eh schon gelutscht…

Das erkläre ich dir gerne.

GFK üben Geschenk geklaut Selbsteinfühlung üben

1. Du lernst, eine Situation sachlich zu betrachten, ohne dich von Urteilen in die Irre führen zu lassen

Die Situation, die du näher betrachten willst, muss rein sachlich sein. Stell es dir wie die Aufnahme durch eine Videokamera vor – frei von Wertungen und Urteilen, z.B. „Eine Person sucht nach einer Tüte“.

Wenn du lernst, deine Emotionen und Urteile vom reinen Betrachten einer Situation zu trennen, läufst du nicht so schnell Gefahr, dich von deinen eigentlichen Gefühlen abbringen zu lassen.

2. Du lernst etwas über deine Gefühlswelt

Wer nicht viel Übung darin hat, ein Gefühl in sich zu benennen und in Worte zu fassen, der/dem kann so ein regelmäßiges Einfühlen helfen.

Als Inspiration zur Benennung von Gefühlen dienen zahlreiche Listen, die es im Internet zu finden gibt. Sei dir aber stets bewusst: Manch eine Person hat vielleicht eine eigene Interpretation eines Gefühls aufgelistet, das andere nicht als Gefühl bezeichnen würden. Außerdem dienen solche Listen lediglich als Anreiz und wollen keineswegs den Anspruch erfüllen, vollständig zu sein.

3. Du lernst, Auslöser und Ursache auseinander zu halten

Ja, es gibt einen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache eines Gefühls. Die Ursache unserer (angenehmen oder unangenehmen) Gefühle sind stets unsere (erfüllten oder nicht erfüllten) Bedürfnisse. Wodurch das ausgelöst werden kann, z.B. jemand schreit dich an, ist etwas ganz anderes.



4. Du lernst, dir Zeit für dich zu nehmen und dich besser zu verstehen

Mag sein, dass die Situation schon vergangen ist, aber in solchen Momenten hat man i.d.R. wenig bis gar keine Zeit, in sich reinzuspüren und sich zu verstehen. In Alltagssituationen muss man einfach schnell handeln, nicht wahr?

Aber jetzt kannst du dir Zeit nehmen für dich und deine Gefühlswelt. Gefühle wollen gelebt werden. Sie weisen uns darauf hin, was wir brauchen. So können wir uns um uns selber kümmern.

5. Du übst für kommende Situationen und beugst emotionalen Entgleisungen immer besser vor

Die eine oder andere Situation mag sich immer und immer wieder wiederholen. Auch wenn es nicht dieselbe Geschichte ist, wird sie sich doch im Kern ähneln.

Wenn du dich in Selbsteinfühlung übst, kannst du leichter und instinktiver Strategien anwenden, die du dir mit der Zeit angeeignet hast, ohne wieder aus der Haut zu fahren oder dich völlig überfordert, hilflos oder wie auch immer zu fühlen.

Kurze Hintergrundstory

Ich erzähle dir heute von einer Geschichte, die eine für mich sehr überraschende Wendung genommen hat, doch zuvor hab ich ein ganz schönes Gefühlschaos durchlebt. Um was ging es?

Mein Sohn wurde zum Kindergeburtstag eingeladen – relativ spontan, d.h. wir hatten 3 oder 4 Tage Zeit, um ein Geschenk zu besorgen. Online hatte ich schon gestöbert, aber nichts Richtiges gefunden. So langsam drängte die Zeit. Also wollte ich mit Oliver im Spielzeugladen einkaufen gehen. Doch da war das Geschenk, das sich sein Kumpel gewünscht hatte, leider nicht da. Deshalb beschlossen wir, in einen anderen Laden zu fahren.

Schließlich fanden wir ein Geschenk für seinen Freund (den Eldrador Höllenhund* von Schleich) kauften auch eine Karte und lustiges Geschenkpapier.

Danach ging es noch ab zum Supermarkt, denn Essen brauchten wir auch noch.

Ab nach Hause ging es dann mit vollgepackten Tüten. Wir beide waren schon ziemlich erschöpft, durchgefroren und müde.

Zu Hause hab ich mich dann dran gemacht, die Tüten auszupacken, und wundere mich, wo die Tüte mit dem Geschenk ist. Ich finde sie nicht. Oh oh. Ich schaue mich um, aber sie ist nirgends zu finden. Allmählich werde ich nervös…

Ich schau vor der Tür. Vielleicht dort vergessen? Nichts. Unten vor der Tür, vielleicht hab ich sie stehen lassen beim Schlüssel suchen? Auch nicht.


Dann überlege ich: Ich konnte mich noch genau an die Szene erinnern, in der wir im Supermarkt waren und mein Sohn im Einkaufswagen saß und die Tüte mit der Geschenkpapierrolle rausragte und ich durch die eingeschränkte Sicht den Einkaufswagen etwas umständlich manövrieren musste.

Das zeigte mir: Ok, im Supermarkt hattest du die Tüte noch. Also nochmal anziehen und los zum Supermarkt. Vielleicht lag sie ja noch bei den Einkaufswagen. Fehlanzeige. Dann wurde sie bestimmt gefunden und abgebeben. Also ab in den Markt und nachgefragt. „Nee, tut mir Leid. Hier wurde keine Tüte abgegeben.“

Und dann steh ich da…

Genau hier merke ich, dass sich in mir ein Schalter umlegt, denn ich merke: Scheiße. Du wirst die Tüte mit dem Geschenk, der Glückwunschkarte* und dem Geschenkpapier nicht mehr wiederbekommen.

Selbsteinfühlung in 4 Schritten

Wie läuft jetzt so eine Selbsteinfühlung ab? Hier einmal zur Theorie der GFK:

  1. objektive Situation, die ich genauer betrachten möchte
  2. Gefühle, die ich dabei gefühlt habe
  3. Bedürfnis, das sich durch meine Gefühle gemeldet hat
  4. Bitte/Danke

Den kompletten Prozess der Selbsteinfühlung bin ich auf meinem YouTube Kanal „Herzmensch“ durchgegangen. Wenn du diesen lieber in Form eines Videos sehen möchtest, schau es dir gerne an. Ich würde mich natürlich riesig freuen, wenn du mir dort einen Daumen nach oben und ein Abo da lässt, falls es dir gefallen haben sollte und dich das Thema GFK auch weiterhin begleiten darf.

Ich hab den Prozess aber auch hier in diesem Beitrag niedergeschrieben. Wenn du also lieber weiterlesen möchtest, dann geht’s jetzt weiter:

1. Situation

Um welche Situation geht es genau – rein objektiv betrachtet?

Der Moment, in dem ich merke, dass ich die Tüte nicht mehr wiederfinden werde.

2. Gefühle

Ich könnte jetzt dazu übergehen, enttäuscht zu sein oder traurig. Ich könnte beginnen, den Verlust zu bedauern und mich nun um mein Bedürfnis nach Trost kümmern. Ich könnte direkt eine Bitte an mich formulieren, was ich mir jetzt Gutes tun kann, um mir mein Bedürfnis nach Trost zu erfüllen, z.B. indem ich eine Freundin anrufe oder eine Runde meditiere.

2.1 Achtung bei Wut und Ärger

Aber so einfach hat es mir mein Kopf in diesem Moment nicht gemacht, denn ich hab mich plötzlich geärgert! Und wie! Ich war stinksauer! Fuchsteufelswild!

Wenn wir uns ärgern oder wütend sind, ist das immer ein Moment, um sich bewusst zu machen, dass man hier noch nicht an seinem eigentlichen Gefühl angekommen ist.

Ärger und Wut weisen uns darauf hin, dass wir etwas interpretiert, analysiert und verurteilt haben. Wir haben die Situation durch unser Wertesystem geschickt und sind zu dem Ergebnis gekommen: Das ist falsch oder Das macht man nicht.

Wenn wir in Richtig und Falsch denken oder nach Schuldigen suchen und uns deshalb ärgern bzw. vor uns hin wüten, kratzen wir aber lediglich an der Oberfläche unserer Gefühlswelt.

Natürlich ist es einfacher, wenn wir Ärger oder Wut verspüren. Es setzt eine gewisse Energie und Kraft frei. Darunter verbergen sich unangenehme Gefühle, die wir nicht fühlen wollen, eben weil sie so unangenehm sind, wie z.B. das Gefühl der Ohnmacht oder der tiefen Trauer.

Was genau habe ich gedacht oder mir vorgestellt? Hier hilft die sogenannte Wolfsshow, d.h. du schreibst dir all deine Gedanken und Urteile auf, auch wenn sie noch so böse klingen mögen. Es ist wichtig, sie aufzuschreiben, weil wir auf diese Weise Stück für Stück den dahinter liegenden Gefühlen und letztlich auch unseren unerfüllten Bedürfnissen auf die Spur kommen. Bitte die Wolfsshow nur für dich selber in Gedanken machen oder auf ein Blatt Papier bringen, aber bitte niemandem an den Kopf knallen.

„Die Tüte hat jemand gefunden und beschlossen, sie mitzunehmen und für sich zu behalten. So nach dem Motto: Geil! Nächstes Geburtstagsgeschenk ist gesichert!“

„Dieser Mensch muss doch gesehen haben, dass das Spielzeug für ein Kind ist! Da war auch noch eine Glückwunschkarte und Geschenkpapier drin! Wieso machen Menschen sowas?!“

„Das ist so asozial!“

„Was für’ne scheiß Person findet, dass es’ne gute Idee ist, ein Geburtstagsgeschenk für ein Kind zu klauen?!“

„Das ist ein NO GO! Verlorene Sachen gibt man ab, statt sie für sich zu behalten!“

„Das ist verwerflich!“

„Das ist falsch!“

„Diese Menschen denken alle immer nur an sich selbst und scheißen einfach auf alles und jeden. Denen ist es egal, wenn andere leiden!“

„Hat bestimmt jemand mitgenommen, der nicht genug verdient und sich kein Geschenk für sein Kind leisten kann.“

2.3 Ärger verpuffen lassen

Um aus diesem Strudel aus Ärger und Wut zu kommen, helfen schon zwei Dinge:

  1. Uns bewusst machen, dass das, was wir gerade denken, nicht der Wahrheit entsprechen muss. Wir machen uns bewusst, dass wir gerade geurteilt haben. Das ist auch ok so. Das darf auch sein. Es zeigt, welche Werte uns wichtig sind, vielleicht auch, welche Glaubenssätze in uns verankert sind (z.B. „Verlorene Sachen gibt MAN ab, statt sie für sich zu behalten.“). So erkennen wir aber: Aha! Ich ärgere mich grad aufgrund meiner Gedanken. Hier geht’s schon gar nicht mehr um die eigentliche Situation, sondern um das, was plötzlich in meinem Kopf abgeht.
  2. Verallgemeinerungen erkennen, z.B. ALLE, IMMER, NUR, und sich bewusst machen, dass man hier gerade verallgemeinert, das aber auch hier höchstwahrscheinlich nicht der Wahrheit entspricht.

3. Eigentliche Gefühle, verbunden mit den unerfüllten Bedürfnissen

Vielleicht sind dir im Nachgang noch ein paar Urteile eingefallen. Jetzt kümmern wir uns darum, unsere eigentlichen Gefühle zu benennen. Nimm dir Zeit dafür. Spür in dich hinein. Im nächsten Schritt kannst du schauen, welches Bedürfnis sich wohl mit diesem Gefühl bemerkbar gemacht hat. Bei mir haben sich z.B. folgende Gefühle und Bedürfnisse gemeldet:

  • Ich bin enttäuscht, weil mir ein Miteinander wichtig ist, das gestützt wird von Vertrauen.
  • Ich bin enttäuscht, weil mir ein wertschätzender Umgang und die damit einhergehende Verantwortung mit meinen finanziellen Ressourcen wichtig ist.
  • Ich bin perplex, schockiert und auch irritiert, weil ich Klarheit brauche, um das Verhalten dieses Menschen verstehen zu können.
  • Ich fühle mich hilflos, weil ich mir Inspiration und Unterstützung wünsche, um die Tüte wiederzubekommen.
  • Ich bin so frustriert, gestresst, erschöpft, ausgelaugt und überfordert, weil ich mich nach Unterstützung, Leichtigkeit und Entspannung sehne. Ich möchte meine schier endlos lange To Do Liste gern abarbeiten, statt neue Aufgaben erledigen zu müssen, z.B. mich um ein neues Geschenk kümmern, noch eine Geburtstagskarte, nochmal Geschenkpapier*. Ich sehne mich nach Freude und Spaß im Alltag.

Am Stärksten hat sich bei mir aber die Trauer gemeldet. Ein starker Indikator für Trauer zeigt sich, wenn man weint. Und ich hab gemerkt, dass es mir jetzt echt gut täte, gehört zu werden.

4. Bitte

Als mir das klar geworden ist, rief ich meine Mutter an und erzählte ihr von meiner Geschichte und meinem Verlust. Ich weinte. Und es tat so gut. Es war ein erleichterndes Gefühl, als ich merkte, dass mir meine Mutter zuhörte, mir ihr Bedauern aussprach, mit mir mitfühlte, mich wahrnahm. Es brauchte keine Tipps und Vorschläge und schon gar keine Vorwürfe. Ich bekam genau das, was mir in diesem Moment am Dringendsten war: Empathie.

Ohne in dieser Situation überhaupt an die 4 Schritte der GFK gedacht zu haben, hatte ich unbewusst eine Bitte an mich formuliert, die positiv formuliert und direkt ausführbar war: Mutti anrufen.

Ich spürte förmlich innerhalb weniger Sekunden, als wir sprachen, dass mir gerade eine unheimliche Last von den Schultern fiel. Ich fühlte mich erleichtert, frei, und konnte mit dem Umstand, dass die Tüte trotzdem nicht mehr wiederkam, schon deutlich besser umgehen. Ich fing an, zu akzeptieren.

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Happy End

Als ich auflegte und zu meinem Sohn ins Wohnzimmer ging, schaute mich Oliver plötzlich mit ganz großen Augen an und rief Freude strahlend:“Mama! Du hast ja das Geschenk gefunden!“

Und ich starre ihn einfach nur völlig verdattert an und weiß überhaupt nicht, wovon er gerade spricht. „Hä? Wie? Was?“

Da zeigt er mit seinem Zeigefinger hinter mir auf die Ecke der Couch… Ich drehe mich um… Jupp. Da lag sie. Die Tüte mit dem Geschenk und dem anderen Zeugs drin…

Ich schwöre, ich hab KEINEN BLASSEN SCHIMMER, wie die da hingekommen sein soll! Ich hätte schwören können, dass ich sie dort niemals abgelegt hatte. Aber so war es. Sie war nie weg. Wurde auch nie geklaut. Es gab keinen asozialen Menschen. Alles nur Hirngespinste und vernichtende Urteile.

Und deshalb war auch all die Wut, die Hilflosigkeit und Trauer mit einem Mal war wie weggeblasen. Puff – weg!

Fazit

Ich hoffe, dieser Beitrag hat dir eindrücklich gezeigt, wohin uns unsere Gedanken führen können, wenn wir es zulassen. Doch mithilfe der Selbsteinfühlung kommen wir ihnen auf die Spur und lernen Step by Step, sie von der eigentlichen Situation zu trennen, uns bewusst darüber zu werden. Wir lernen uns und unsere Gefühle kennen und unsere Bedürfnisse. Wir können auf diese Weise für uns sorgen und Strategien entwickeln, falls wir mal wieder in eine ähnliche Situation geraten sollten.

Welche Situation kommt dir dabei spontan in den Kopf? Erzähl mir gern davon unten in den Kommentaren, ich würde mich freuen, davon zu lesen.

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