Wenn Erziehungsstile kollidieren


„Du machst das total falsch!“
Mein Kind, meine Regeln!
„Mach das doch SO!“
„Lass das!“
„Wenn’s dir nicht passt: DA ist die Tür.“

Du bist zu Besuch bei deinen Eltern, Schwiegereltern, Freunden, Bekannten, Verwandten, wem auch immer. Und irgendwie versuchen sich alle gegenseitig zu erziehen.

Was, wenn dein Erziehungsstil mit dem von anderen kollidiert? Das erfährst du im heutigen Beitrag.

Wenn Erziehungsstile kollidieren

Dieses Thema hat eine Zeit lang sehr an mir genagt. Die Beziehungen untereinander haben gelitten, es kam oft zum Streit und mieser Stimmung. Ich befinde mich aus diesem Grund auf einem unbekannten Weg. Doch von vorne…

In meiner Kindheit habe ich so einiges erlebt, was ich als Mutter anders handhaben will. In meinen Augen BESSER machen will. Das mag arrogant klingen, soll aber gar nicht böse gemeint sein.

Einiges war für mich klar. Von Anfang an. Andere Dinge ergaben sich erst mit der Zeit. Ich las, lernte dazu und schlug eine andere Richtung ein. Stets im Wandel, nie auf der Stelle stehenbleiben – das fühlte sich gut an.

Besuch bei den Großeltern

Je älter der kleine Mann wurde, desto mehr wollte er seine Umgebung erkunden. Er war fasziniert vom Wasser in einer Flasche, die hin- und hergeschüttelt wurde. Er versuchte, den Deckel aufzubekommen. Mein Papa wollte ihm dabei helfen. Ich griff ein und sagte:“Lass ihn mal selber machen.“

Wenn es nachmittags Kuchen gab, wollten alle immer dem kleinen Mann was Süßes geben. Mein Mann und ich schritten ein und meinten:“Nein. Er soll noch keinen Zucker bekommen.“ und, als der kleine Mann älter wurde, hieß es von uns:“Nur ein kleines Stück. Er soll nicht so viel Zucker bekommen.“

Das tat den anderen dann immer Leid für den kleinen Mann, weil Kuchen ja so lecker ist. Und ja, der arme Spatz darf keinen Kuchen haben. Aber sie nahmen es hin.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Familie beim Essen

Dann hörte ich von Ausscheidungskommunikation. Langes Wort. Dahinter steht einfach nur der Sinn, die Signale vom Kind zu lesen, wann es mal muss.

Ich versuchte es also und wurde erstmal von allen doof angeguckt. Auch von meinem Mann. Einzig meine Schwester stand in dieser Zeit hinter mir und fand es gut. Es gab viele „Unfälle“, aber ich gab nicht auf. Und mit der Zeit sahen auch die anderen, dass das’ne ganz coole Sache ist.

Als ich z.B. auf Toilette war und meine Mutter mit dem kleinen Mann allein, merkte sie, dass er mal muss. Und dann hielt sie ihn ab und war ganz aus dem Häuschen, weil es klappte. Sie war total stolz auf sich, glaube ich.



Das wird ja immer skurriler

Und dann ist das Baby plötzlich Kleinkind und stellt uns vor Herausforderungen. Es macht Dinge, die wir nicht wollen. Dinge, die uns zur Verzweiflung bringen. Aber auf die klassische Erziehung verzichten wir gern.

Also stöbern wir im Internet, suchen nach Ratschlägen, lesen schlaue Bücher. Und dann picken wir das für uns richtige heraus und machen damit unsere Erfahrungen.

Wir kommen also mit unserem geballten, neuen Wissen wieder zu Besuch und werden noch schiefer angeguckt. Der kleine Mann piekst mit der Gabel etwas auf. Sofort kommt ein „Fein! Super! Das hast du aber toll gemacht!“ und mein Mann schreitet ein und sagt:“Nicht loben.

Was meinst du, wie schief wir DA angeguckt wurden? Dann wird natürlich verwundert nachgefragt, warum jetzt auch kein Lob sein dürfe. Mein Mann erklärt es. Sie schauen verwirrt aus. Vielleicht lächeln sie auch drüber. Sie verstehen es nicht so ganz. Aber ok, sie versuchen, nicht zu loben.

Dass beinahe überall gelobt und bestraft wird, ist ja schon fast normal in unserer Gesellschaft. Es steckt in uns drin. Wir denken nicht drüber nach, sondern übernehmen einfach die Erziehungsstile aus unserer Kindheit. So nach dem Motto: Hat uns ja nicht geschadet.

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Bevormundung

Manche Verhaltensweisen sind uns also in Fleisch und Blut übergegangen. Wir machen sie einfach. Sie sind zur Gewohnheit geworden.

Und dann kommt die jüngere Generation und sagt uns, dass wir alles falsch machen. Dass wir das lassen sollen. Sie nennen uns auch den Grund, aber so ganz verstehen wir es trotzdem nicht. Wir geben unser bestes, ihren „Weisungen“ Folge zu leisten. Aber manchmal rutscht es uns doch raus und dann kommt wieder dieses „Nicht…“

Das führte bei uns in der Familie zu Streit und schlechter Stimmung. Die anderen fühlten sich bevormundet und kritisiert. Meinem Mann wurde über den Mund gefahren. Oder es wurde sich über unseren Erziehungsstil lustig gemacht. Es fielen Sprüche wie:“Hätten wir euch mal nicht gelobt, sondern lieber verprügelt.“ Oder trotzig mit „Doch!“ geantwortet, wenn wir baten, etwas zu unterlassen.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Familie beim Waldspaziergang im Winter

Ich wollte keinen Streit mehr und brodelte vor mich hin, während ich zusah, wie unsere Erziehungsmethoden mit Füßen getreten wurden.

Und dann begann ich nachzudenken, wie diese verfahrene Situation gelöst werden könnte.

Empathie

Bevor ich die „Mein Kind, meine Regeln!“-Keule schwingen würde, versuchte ich erst einmal, die anderen zu verstehen. Warum verstehen sie uns nicht und machen nicht das, was wir sagen? Ich versetzte mich also in ihre Lage und kam zu folgenden 7 möglichen Gründen für ihr Verhalten:

1. Gewohnheit

Wer jahrelang so erzogen wurde bzw. erzieht, hat es schwer, Veränderungen anzunehmen und danach zu handeln. Es steckt in uns drin. Unsere Kindheit bestand daraus. Ich kann mich nicht von heute auf morgen um 180° drehen und ein anderer Mensch sein.

2. Wille

Ein ganz entscheidender Punkt! Wenn mir jemand vorschreibt, was ich zu tun habe, dem zeig ich innerlich’nen Vogel. Der will mir was erzählen? Da schalte ich auf Durchzug. Ob anerzogen oder Charakterzug, sei mal dahingestellt.

Aber wenn ich jemanden sehe, der mir ein „Wow! Wie macht sie/er das?“ herauslockt… Von der/dem ich mehr erfahren will… Von der/dem ich lernen will… Dann ist das schon’ne ganz andere Sache. Denn dann habe ich den eigenen Willen entwickelt, etwas zu lernen und mich ggf. auch zu ändern.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Frau und Mann schenken Kind Pusteblumen

Dieser Wille muss aber aus mir heraus entstehen und kann mir nicht vorgesetzt werden. Da muss ich selber ran. „Wo kein Wille, da kein Weg.“ – der Spruch ist so wahr!

3. Der Ton macht die Musik

Deine Freundin, die ihr Baby absichtlich schreien lässt, damit es endlich durchschläft, braucht dringend einen Rat von dir!

Du knallst ihr in deiner Wut an den Kopf, sie würde etwas Falsches, etwas Gewaltsames, Krankes, was auch immer, tun… Und ihre Bindung zum Baby würde massiv drunter leiden und ihr Baby würde das Urvertrauen verlieren und und und…

Kritik äußern, ohne dass sich dein Gegenüber gekränkt oder beschämt fühlt, ist schwer. War der Versuch, sie auf einen Fehler hinzuweisen, zu harsch? Sollte ich daran üben, WIE ich jemandem einen Tipp gebe oder meine Bedenken äußere?

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Opa und Enkel schauen sich an

Wenn ich jemanden so angehe, ist klar, dass dieser RatSCHLAG nicht angenommen wird. Sie fühlt sich kritisiert, bevormundet, als schlechte Mutter denunziert und abgestempelt. Sie müsste sich eingestehen, ihrem Baby geschadet zu haben. Und das einzugestehen, kostet Kraft, Mut und schmerzt.

4. Schmerz

Wenn mir jemand sagt, ich soll anders handeln, dann kommt auch ein gewisser Schmerz mit hoch. Der Schmerz aus der eigenen Kindheit. Weil man begreifen muss, dass der Weg, wie ich teilweise erzogen wurde, tatsächlich nicht der richtige war. Dass einem Leid angetan wurde. Und diese Erkenntnis schmerzt. Man müsste sich eingestehen, dass die eigenen Eltern nicht das beste für einen getan haben. Dass einem Schlimmes widerfahren ist.

Diesen Schritt muss ich erstmal bereit sein zu gehen. Andere verschließen davor lieber (noch) die Augen und reden sich ein „So, wie ich erzogen wurde, war das richtig, und so handhabe ich es auch. Hat mir ja nicht geschadet. Ich bin meinen Eltern für die Erziehungsschelle dankbar. Ich lebe schließlich immer noch.“


5. Andere Zeiten

Ein nicht unwichtiger Aspekt: Zeit. In welcher Zeit haben meine Großeltern gelebt? In welcher meine Eltern? Und in was für einer Zeit leben wir heute?

Haben wir Krieg? Geht es uns ums nackte Überleben? Muss ich schleunigst zusehen, dass ich irgendwo Essen her bekomme, damit mir meine Familie nicht wegstirbt? Sind Bombenangriffe bei uns Alltag?

Oder herrscht Frieden? Kann ich gelassen und entspannt nach draußen gehen? Muss ich mir um nix Sorgen machen, außer, was ich heute zum Essen koche? Kann ich mir ein Bad gönnen und machen, was ich will? Ein Buch lesen, Musik hören, Videos auf YouTube ansehen, in Facebookgruppen stöbern und mir Input holen, wenn ich mit meinem Latein am Ende bin?

Ja. All das kann ich. Ich lebe, im Vergleich zu meinen Großeltern, bei denen Krieg herrschte, im Paradies. Ich habe wenig Sorgen und kann mich Themen widmen, die mich interessieren. Dafür habe ich Zeit.

Aber diese Zeit hatten meine Großeltern nicht. Und auch heutzutage gibt es Familien andernorts, die andere Probleme haben. Denen es aktuell nur ums Überleben geht und nicht, ob Stoffwindel, Wegwerfwindel, windelfrei oder was auch immer.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Uroma hält Urenkel auf dem Schoß

Das soll keine Ausrede sein. Aber mir half es ungemein, zu verstehen, warum damals schwarze Pädagogik praktiziert wurde. Warum in dieser Zeit so viel Leid geschehen ist. Da musste man gehorchen und funktionieren. Und irgendwann musste dann zerstörtes Land wieder aufgebaut werden.

Als meine Eltern dann eine Familie gründeten, herrschte kein Krieg mehr. Die Mauer fiel, alles war neu und unbekannt. Meine Mutter verwarf einige Erziehungsmethoden. Andere wiederum übernahm sie. Das geht von Generation zu Generation immer so weiter. Auch ich habe manches übernommen und einiges wiederum nicht. Und mein Kind wird es sicher auch als Elternteil wieder anders handhaben. Einfach, weil wir Zeit haben, uns zu reflektieren und über uns selbst nachzudenken.

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6. Ungünstig ausgedrückt

Sie wollen meinem Kind nichts Böses. Sie wollen nur…

Der Opa, der zu seinem Enkel streng und mit ernster Mine sagt:“Ein Hammer ist kein Spielzeug!“, möchte im Grunde genommen nur sein Enkelkind beschützen. Ein Hammer ist schwer und hart. Wenn der auf die kleine Hand oder auf den Fuß fällt… Oh weh! Dann lieber gleich weg mit solchen gefährlichen Sachen!

Die Oma, die überall ihren Nippes stehen hat, der das Kind so fasziniert, hat Angst, dass ihre Sachen kaputt gehen könnten. In ihren Augen gibt es genug Spielzeug. Dafür muss nicht ihre Deko herhalten. Also sagt sie „Nein!“, wenn er sich den Staubfängern nähert.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Oma im Rollstuhl hält Enkel im Arm

Die Uroma, die ihr Enkelkind lobt, weil es so schön aufgegessen hat, hat auch nichts Böses im Sinn. Sie freut sich, dass sie das Essen nicht wegwerfen muss. Dass es anscheinend geschmeckt hat. Sie möchte irgendeine positive Rückmeldung geben und fängt deshalb zu loben an.

Dem kleinen Mann will es einfach nicht gelingen, die Schnur durch das Loch zu fädeln. Er tobt und wütet und schreit und weint und ärgert sich! Alle wollen helfen, damit er nicht traurig sein muss! Was soll schon verkehrt daran sein, zu helfen?

7. Erfahrung

Sie denken, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefuttert und stützen ihr Verhalten auf jahrelangen Erfahrungen, die sie gesammelt haben. Sie wissen so viel, dass ich mit „nur“ einem Kind unmöglich etwas „besser“ wissen könnte. Ungern lässt sich die Erzieherin mit 30-jähriger Berufserfahrung was von der Azubine erzählen.

Es kann an einer bestimmten Ausbildung liegen. Einem Studium. Der Arbeit in einem Beruf, in dem man schon jahrelang tätig ist. Oder dass man Mutter/Vater von drölfzig Kindern ist und daher einfach weiß, was „richtig“ ist.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Großfamilie

Gerade bei jenen, die solche Argumente vorzeigen, lassen sich schwer überzeugen. Weil sie überzeugt davon sind, dass sie aufgrund ihrer Erfahrungen über all die Jahre bereits alles wissen.

Was kannst du tun, wenn du mit solchen Menschen aneinander gerätst?

Akzeptanz

Wenn sich niemand für deinen Erziehungsstil interessiert, dann bringt es in meinen Augen nichts, sie überzeugen zu wollen. Manche WOLLEN sich einfach nicht ändern. Sie wollen keine schlauen Bücher lesen und sich nicht weiterbilden. Sie wollen auf dem Stand von vor zig Jahren stehen bleiben. Das ist schwer zu akzeptieren. Aber du kannst niemanden ändern, die/der sich nicht ändern will.

Wenn sie dir also alle wieder mit ihren tollen Tipps kommen, dann hör ihnen zu. Bedanke dich für diesen Rat. Und mach am Ende damit, was du willst.

Wenn du unsicher bist, recherchiere. Hol dir andere Meinungen ein. Gib demjenigen, der dir einen „falschen“ Rat gegeben hat, einfach auch mal ein Feedback. Was du herausgefunden hast. Auch dein Rat kann sich zumindest angehört werden. Und dann entscheidet die- oder derjenige auch für sich, was er mit deiner Info anstellt. Einfach miteinander in Kontakt bleiben.

Und auch wenn jede/r nur deine tollen Erziehungstipps belächelt, dann lächel auch du drüber. Ich mach das inzwischen auch so, auch wenn es schwer fällt.

Oma lobt also weiterhin ihr Enkelkind bei jedem Pups. Opa spielt weiterhin den strengen, obwohl er eigentlich ein ganz lieber ist. Uroma fragt sich immer noch, warum ihr Urenkel nicht auf ihren Arm will, unternimmt aber auch nichts dagegen.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Großfamilie

Und das akzeptiere ich. Denn genau so will ich, dass man auch mich akzeptiert. Ich bin wie ich bin und wenn mich was interessiert, dann werde ich schon nachfragen.

Genau das ist mein Ziel: Wenn jemand es toll findet, wie ich mit meinem Kind umgehe, dann darf sie/er ruhig zu mir kommen. Und mich ansprechen. Sich mit mir unterhalten und sich austauschen. Aber ich werde niemandem hinterher rennen und sagen:“Du machst das aber GANZ falsch! SO ist das richtig! Guck her! Guck! Hey! Warum guckst du nicht?!“

Ich habe aber auch schon die Erfahrung gemacht, dass ich um entsprechende Literatur gebeten wurde, sie gab… und sich nichts änderte. Das war zwar noch unbegreiflicher für mich, aber ich akzeptiere das.

Grenzen wahren

Das bedeutet aber nicht, dass ich mit meinem Kind alles machen lasse. Denn irgendwo müssen auch Grenzen beachtet werden. Von Oma, Opa, Uroma, wem auch immer… Aber auch die Grenzen vom Kind!

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Papa beschützt Kind vor Lämmern

Wenn die Oma noch ganz alte Schule ist und meint, einem Kind schade keine Tracht Prügel, um es zu erziehen… Dann muss sie sich nicht wundern, wenn ich sie niemals unbeaufsichtigt mit meinem Kind allein lassen werde. Sie darf sich dann auch nicht wundern, wenn sie ihrem Enkel Gehorsam beibringen will und ich das nicht zulasse.

Wenn irgendjemand meint, mein Kind bestrafen, beleidigen, bevormunden, verängstigen zu müssen… Die/Der meint, ein Klaps würde nicht schaden… Die/Der mein Kind grob behandelt… Dann werde ich dafür kein Verständnis zeigen. Das werde ich auch nicht akzeptieren.

Was ich meinem Kind mit auf den Weg geben will

Ich möchte meinem Kind dadurch beibringen, dass es woanders wie zu Hause sein kann. Dass es sich dort behütet, geliebt, geborgen und gleichberechtigt fühlen kann.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Oma hält grinsendes Enkelkind im Arm

Dass es aber auch sein kann, dass woanders eben nicht wie zu Hause ist. Dass es dort andere Regeln gibt. Dass da keine Wände bemalt werden wie zu Hause. Dass da nicht auf dem Boden gegessen werden darf wie zu Hause. Das ist in meinen Augen völlig ok. Nirgendwo auf der Welt ist alles gleich. Unterschiede kennenzulernen ist gut und zeigt nur, dass Vielfalt herrscht.

Aber eins muss mein Kind ganz sicher nicht lernen: Gewalt. In welcher Form und auf welche Art und Weise auch immer. Mein Kind wird weder bestraft noch geschlagen, geklapst, gezogen, gezerrt, beleidigt, angeschrien, was auch immer.

Sollte es dazu kommen, werde ich es beschützen. Damit es lernt: Ich muss das nicht über mich ergehen lassen. Niemand darf so mit mir umgehen. Ich habe Grenzen und die werde ich auch wahren und notfalls verteidigen.

Ich will meinem Kind dadurch beibringen, dass niemand es herumschubsen darf. Dass er vielleicht auch jemanden meiden muss, um sich selbst zu schützen, weil die/der ihm nicht gut tut.

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Kontaktabbruch

Jemanden und sein Verhalten zu akzeptieren, klappt nicht immer. In manchen Familien ist die Situation so verfahren, dass für eine (oder beide) Seiten nur ein Kontaktabbruch infrage kommt.

In unserer Familie kamen auch schon die einen oder anderen Kontaktabbrüche zustande.

Auch ich habe den Kontakt zu bestimmten Personen eingefroren. Die ich geliebt habe, die mir aber einfach nicht gut taten. Die mich ausgenutzt und wie Dreck behandelt haben. Niemand hat das Recht, so mit mir umzugehen. Für mich gab es keine andere Lösung. Sämtliche Versuche von diesen Personen, wieder Kontakt herzustellen, wurden von mir ignoriert. Bis irgendwann endlich Ruhe war.

Aber wie sieht es bei Menschen aus, die mit ihrer Familie brechen? Ich habe mir viele Erfahrungsberichte durchgelesen.

Was Menschen zum Kontaktabbruch treibt

Menschen, die sich für einen Kontaktabbruch entscheiden, sind nach einer Portion „Familienbesuch“ mit ihren Nerven am Ende. Fühlen sich wie eine leere Hülle. Wie ein Zombie. Sie werden für alles verantwortlich gemacht. Sind der Sündenbock. Die Ursache allen Übels und für die Probleme anderer verantwortlich.

Sie fühlen sich nach solchen Besuchen unverstanden, erniedrigt, unterdrückt, ungeliebt, manipuliert, hilflos, ausgesaugt, zermürbt, runtergezogen. Es wird ständig gestritten, geheuchelt, es herrscht Neid, Hass, es wird mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen um sich geschmissen. Machtspiele werden getrieben, Intrigen geschmiedet.

Es eskaliert jedes Mal, um letztendlich fein säuberlich unter den Teppich gekehrt zu werden. Die Konflikte werden totgeschwiegen. Es wird so getan, als sei nichts geschehen. Alles Friede, Freude, Eierkuchen. Wir sind eine große, glückliche Familie.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - junge Frau und alte Frau lächeln sich an

Und die Fassade beginnt immer weiter zu bröckeln. Es brodelt unter der Oberfläche. Bis der ganze Scheiß explodiert.

Erst haben sie ein schlechtes Gewissen. Denken, sie seien undankbar. Doch das Bedürfnis, keinen Kontakt mehr mit Menschen zu pflegen, die einem nicht gut tun, wog mehr.

Kontaktabbruch ist ein riesengroßer Schritt! Es gibt unzählige Berichte von Verlassenen und Abbrechern. Und sie alle sind furchtbar tragisch, wenn man sie sich mal durchliest. Da versteht die Mutter nicht, warum ihr Sohn PLÖTZLICH per Mail den Kontakt zu ihr abbricht. Er würde sie nicht hassen, sie sei ihm einfach scheißegal, habe er geschrieben.

Da frage ich mich dann immer: Hat sie wirklich keine Ahnung? Ist sie narzisstisch? Ein Kind bricht doch nicht von heute auf morgen den Kontakt zu seiner Mutter ab! Fragen über Fragen und nur die beiden hätten sie sich beantworten können.

Damit meine ich: Reden, reden, reden! In Beziehung gehen! Versuchen zu verstehen! Nicht immer gleich alles hinschmeißen und was Neues suchen. Aneinander arbeiten. Eventuell sogar anstreben, den Konflikt in einer gemeinsamen Therapie zu lösen, wenn sich alle darüber einig sind.

Und wenn auch das nicht funktioniert und man sich nur noch weh tut und schlecht fühlt… DANN würde ich wohl auch sagen: Okay. Das war’s. Ich hau ab.


Danke, dass du dir Zeit für den Artikel genommen hast. 

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2 Gedanken zu “Wenn Erziehungsstile kollidieren

  1. ja danke, der artikel spricht mir so aus der seele! habe während des lesens gedacht, „ja ok, das trifft es alles ziemlich punktgenau, aber wo sind die lösungsansätze, was kann man tun?“. Und dann kamen sie, die lösungsansätze. und es kann so einfach sein, indem man sich entspannt, in sich hineinlächelt und denkt „lass sie und geh trotzdem deinen weg“. so lange das kind keinen wie auch immer gearteten schaden nimmt, ob körperlich oder psychisch. denn, das sehe ich so wie sie, hier ist die grenze. und im schlimmsten fall ist eben der kontakt abzubrechen. danke für diesen artikel!!!

    • Liebe Martina,
      manchmal brauche ich etwas, um auf den Punkt zu kommen; daran arbeite ich derzeit. Ich danke dir, dass du dir den Beitrag dennoch zu Ende gelesen hast 🙂
      Liebe Grüße
      Julia

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