Unerzogen – Was bedeutet das?

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Heute möchte ich auf einen Artikel reagieren, in dem es um die unerzogene „Erziehungsmethode“ geht. Denn oft wird „Unerzogen“ – wie in jenem Beitrag – völlig missverstanden.

Was also bedeutet „Unerzogen“ für mich?

Unerzogen – Was bedeutet das?

Der Grund, über „Unerzogen“ zu schreiben, kam, als ich las, wie eine Bloggerin über die „unerzogene Erziehungsmethode“ schrieb und mich dabei wirklich rasend machte. Ich weiß nicht, wie oft ich beim Lesen mit dem Kopf schüttelte.

Einfach, weil sie über „Unerzogen“ schrieb, ohne sich augenscheinlich vorher darüber informiert zu haben. Warum schreibt sie über etwas, das sie nicht kennt und nie ausprobiert hat?

Sie schreibt, dass sie mit ihrem Beitrag niemanden kränken will, aber das tut sie. Sie kränkt eine derart bedürfnisorientierte, einfühlsame, liebevolle Haltung; einfach, indem sie sich nicht vorher drüber schlau gemacht hat und nun ins Blaue hinein rät, was „Unerzogen“ sein könnte.

Sie denkt, was viele – und auch ich – im 1. Moment denken: Unerzogen. Aha. Soll heißen: Kind darf alles machen, was es will. Laissez-faire eben. Die Eltern geben ihre Verantwortung komplett beim Kind ab.

Als ich damals auf diese „Erziehungsmethode“ traf, verteufelte ich sie nicht. Ich wollte mehr darüber erfahren und trat in die Facebook Gruppe „Unerzogen leben“ ein. Dort lernte ich eine für mich nie da gewesene Lebensweise kennen.

Ein neuer Weg

Ich las plötzlich nicht mehr von Eltern, die sich über den Wutanfall ihres Kindes amüsierten oder beschämende Fotos oder Videos von Kindern zeigten. Ich lernte auf einmal Eltern kennen, die sich für den Wutanfall ihres Kindes interessierten und lernen wollten, wie sie damit umgehen können. Diese Eltern suchten nicht nach einer Lösung, wie ihr Kind funktioniert. Sie suchten nach einem Weg, der beide Seiten – Kind und Eltern – mit einbezog.

Es ging nicht mehr darum, dass sich Eltern Tipps holen, wie sie ihr Kind in die Klamotten bekommen, die es nicht anziehen will. Hier tauschten sich Eltern aus, die ihr Kind selbst entscheiden lassen wollten. Die ihrem Kind vertrauen wollten.

Kind legt seine Hand in die eines Erwachsenen

In den anderen Gruppen fühlte ich mich manchmal so einsam, weil es bei uns eben nicht immer so reibungslos funktionierte, wie die anderen erzählten. Mein Kind schlief nicht durch. Es wird IMMER NOCH gestillt. Will nicht in die Kita. Treibt mich manchmal an den Rand der Erschöpfung. Und ganz ehrlich? Ich wollte es auch nicht mit Gewalt dazu bringen, wie einige meinten. Sätze wie „Das Leben ist kein Ponyhof.“ und dergleichen fanden bei vielen Anklang, bei mir stießen sie nur sauer auf.

In der „Unerzogen leben“ Gruppe erfuhr ich plötzlich von einem Haufen Eltern, die genau die gleichen „Probleme“ hatten wie ich. Dass sie wütend auf ihr Kind sind, dass der Partner nicht wie gewünscht mitmacht, dass das Kind haut und beißt und dies und jenes tut… Aber diese Eltern suchten nicht nach einer Lösung, wie sie jemanden in den Begriff bekommen konnten. Hier wurde hinter das Verhalten geschaut. Was können wir FÜR die- oder denjenige/n tun, damit wir alle zufrieden sind?



So lernte ich mit der Zeit die „unerzogene“ Haltung kennen. Oftmals stieß ich an meine Grenzen. Thema Süßigkeiten. Medienkonsum. Zähne putzen. Selbstbestimmtes Schlafengehen. Die Klassiker schlechthin. Ich wurde von Zweifeln übersät. Dann belas ich mich. Wurde wieder ruhig. So geht es manchmal bergauf, bergab bei mir. Ich bin längst nicht da, wo ich sein will, aber ich bin auf dem Weg. Und das fühlt sich mega stark an, weil es unserer Beziehung unheimlich gut tut.

Was bedeutet „Unerzogen“ für mich?

Es ist schwierig, Außenstehenden „Unerzogen“ zu erklären, und das am Besten in einem Wort oder Satz. Eine exakte Definition von „Unerzogen“ gibt es für mich nicht. Einfach, weil es so vielschichtig ist. Ich versuche trotzdem mal, dir verständlich zu machen, was „Unerzogen“ für mich bedeutet:

1. Auf Augenhöhe

Für mich sind Oliver und ich auf Augenhöhe. Es gibt kein Oben und Unten. Keine Stufe, auf der ich höher stehe und er niedriger oder umgekehrt. Wir sind gleichwertig. Ich versuche (versuche, wohlgemerkt, denn auch ich verfalle hin und wieder in alte Muster), Oliver wie einen Erwachsenen zu behandeln. Einen kompetenten Menschen.

Mutter schaut Kind auf Augenhöhe an

Wenn ich drohe, in Erziehungsmethoden zu verfallen, hat mir ein Spruch meines Mannes extrem geholfen:“Du bist seine beste Freundin.“

Klar wünsche ich mir, dass sich das irgendwann auch mal ändert und jemand anderes an diese Stelle tritt, aber momentan ist es halt so. Dann denke ich mir:“Was würde meine beste Freundin jetzt sagen? Was würde mir gut tun? Was bräuchte ich, statt dummer Belehrungen, die einfach nie hilfreich sind?“

2. Keine Gewalt

Das bedeutet für mich auch gleichzeitig, meinen Sohn nicht mit Gewalt – sei es seelische oder körperliche – zu etwas zu bewegen.

Ich nehme ihn nicht einfach hoch und schleppe ihn kreischend davon, wenn ich meine, es sei nun Zeit für uns, den Spielplatz zu verlassen. Ich manipuliere meinen Sohn nicht, damit er etwas für mich macht, indem ich z.B. sage:“Du machst mich unheimlich traurig, wenn du dein Zimmer nicht aufräumst.“ oder dergleichen.

3. Schutz vor Gefahr

Oft kommt dann von Außenstehenden das Ampel-Argument: Dass „Unerzogen“ bedeutet, sein Kind ALLES ausprobieren zu lassen. Zum Beispiel, was passiert, wenn es über eine rote Ampel oder allgemein die Straße läuft. Dass wir doch einen an der Waffel haben müssen, wenn wir unser Kind nicht von der Straße wegzerren, bloß, weil wir keine Macht ausüben wollen.

Mutter hält Kind in den Armen und lächelt es an

Das bedeutet „Unerzogen“ für mich eben nicht. Natürlich schütze ich mein Kind davor, von einem Auto etc. überfahren zu werden. Bei „Unerzogen“ geht es aber um viel mehr. Was treibt mein Kind dazu, über die Straße zu rennen, obwohl ich „Stop! Straße!“ rufe? Was kann ich für uns tun?

4. Alternativen

Oftmals kann ein Konflikt auch ganz einfach gelöst werden, indem wir oder ich nach Alternativen suche(n).

Mein Kind will sich nicht anziehen (lassen). Was kann ich dann tun? Oder will mein Kind sich anziehen (lassen), ist aber gerade in ein Spiel vertieft? Braucht es Zeit? Braucht es einen Grund zum Anziehen? Bricht mir ein Zacken aus der Krone, wenn ich meinen Sohn halbnackt rausgehen lasse und die restlichen Klamotten mitnehme?

Alternativen zu suchen, ist für mich mit das Wichtigste in „Unerzogen“, denn oftmals gibt es einen Haufen Möglichkeiten.

Mein Sohn rennt einfach über die Straße, ohne zu gucken, obwohl ich mir schon den Mund fusslig rede. Ich will meinen Sohn nicht an die Hand nehmen, weil er das nicht mag. Er will eigenständig rüber laufen und das akzeptiere ich. Aber was kann ich tun?

Ich will ihn nicht in seiner Freiheit einschränken und an so einer komischen Handfessel oder Kinderleine festmachen. Also welche Alternativen habe ich? Sollten wir vielleicht eine Zeit lang Straßen meiden? Einfach ab in den Wald, auf’s Land o.ä., wo er einfach drauf los rasen kann? Wo keine unmittelbare Gefahr für Leib und Seele besteht?

Kind läuft auf Landstraße

Ich versuche also, seinem Drang, einfach loszurennen, zu entsprechen, statt ein Verbot auszusprechen. Ich suche nach Orten, die es ihm ermöglichen. Wo er sein Bedürfnis ausleben kann.

5. Freie Entfaltung

So handhabe ich das auch mit anderen Bedürfnissen, die mein Sohn hat.

In unserer Gesellschaft ist vieles oft in Schwarz und Weiß eingeteilt. Oder in diesem Fall in Rosa und Blau. Mein Sohn liebt es, Sachen zu machen, die angeblich nur den Mädchen vorbehalten sind. Das ist nicht fair. Jede/r sollte das Recht auf freie Entfaltung haben. Ob mein Sohn sich nun schminkt und die Nägel lackiert, ein Mädchen mit einem Werkzeugkoffer spielt usw., sollte völlig egal sein. Solange sie Spaß daran haben: Warum nicht?

Dazu zähle ich auch, dass ich Oliver nicht vorgebe, mit was er sich zu beschäftigen hat. Obwohl das ja voll gut für die Motorik ist. Oder weil das dies und jenes fördert.

Ich schaue meinen Sohn an. Was interessiert ihn gerade? Aha, er schleppt gerade unheimlich gern Autos ab. Dann lass ich ihn damit spielen, so oft und so lange er das will. Kaufe mit ihm passendes Zubehör ein. Bis sich ein neues Interesse bemerkbar macht. Oh, Omas Lippenstift interessiert ihn. Das war z.B. der Grund, weshalb ich ihm ein Schminkköfferchen* kaufte. Nicht, weil ich der Meinung bin, gegen diesen ganzen Genderquatsch anzukämpfen, sondern weil er mir gezeigt hat, dass er es mag.

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6. Ich bin nicht inkonsequent, wenn ich meine Meinung ändere

Ganz klassisch. Wir stehen an der Kasse im Supermarkt und Minimi will ein Ü-Ei.

Als ich „Unerzogen“ noch nicht kannte, war ich auf dem Trip, dass ich auf jeden Fall „Nein.“ sagen muss. Weil er sonst immer eins will. Weil da Zucker drin ist und der ist ungesund. Weil andere denken könnten, dass ich weich bin und mich nicht durchsetzen kann.

„Unerzogen“ hat mir gezeigt, dass es kein Weltuntergang ist, wenn mein Sohn mit einkauft und sich Dinge aussucht, die er mag. Wenn der Geldbeutel es zulässt, warum nicht? Wenn ich überlege, was ich alles für Zeug einpacke, weil ich es mag, ist ein Ü-Ei doch eine Lappalie.

Oder ein anderes Beispiel, das oft bei uns Thema ist: Losgehen oder losfahren. Auch, wenn ich zuerst der Meinung bin, dass wir JETZT los müssen, darf ich meine Meinung ändern. Ich bin nicht inkonsequent, wenn ich meinem Sohn noch Zeit gebe, sein YouTube Video zu Ende zu sehen oder unser Auto an der Tankstelle zu waschen, damit wir danach los können.

Kind wäscht Auto an der Tankstelle

Ich sehe ihn als gleichwertigen Menschen an, der mit entscheiden darf, wann wir aufbrechen. Von einem Erwachsenen würde ich mich doch auch überzeugen lassen. Warum dann nicht auch von meinem Sohn?

7. Mein Sohn MUSS auch

Wenn die Zeit aber knapp wird, weil ein wichtiger Termin steht, dann plane ich schon im Voraus ein, dass mein Sohn möglicherweise nicht sofort los will. Zeitdruck ist ein absoluter Stimmungskiller bei uns. Deshalb versuche ich, mich gar nicht erst von der Zeit unter Druck setzen zu lassen.

Und wenn’s nun trotz Zeiteinplanung brenzlig wird und wir los MÜSSEN? Dann müssen wir los.

Unsere kleine Familie war beispielsweise mit dem Auto geschäftlich unterwegs. Mein Mann musste einige Shops besuchen und dort die Mitarbeiter/innen trainieren. Währenddessen dümpelte ich mit Oliver in der Gegend rum. Bis wir einen Platz mit einem Berg voller Lego Duplo* Bausteine fanden.

Wir waren so vertieft in unser Spiel, als mein Mann plötzlich anrief. Wir müssen JETZT los. Also was kann ich tun? Mein Sohn wollte natürlich nicht sofort los. Er wollte weiterspielen. Hätte ich am Liebsten auch gemacht, aber es ging nicht. Ich erklärte es ihm. Klappte nicht. Er wollte „noch einmal“ einen Baustein setzen. Ok. Danach wollte er weiterspielen. Allmählich kam ich ins Schwitzen. Mein Mann wartete im Auto und wollte los. Mein Sohn wollte weiterspielen und nicht los.

Kind spielt mit einem Berg aus Lego Duplo Bausteinen

Nach mehrmaligen Versuchen meinerseits, ihn zum Mitnehmen zu animieren, sagte ich ihm, dass wir jetzt los müssen. Ich hatte einen günstigen Moment abgepasst, in dem er gerade mit Bauen fertig war und nahm ihn hoch. Er protestierte. Weinte. Ich tröstete ihn. Es tat mir wirklich in der Seele weh, ihn einfach gegen seinen Willen mitzunehmen. Es ist keine Umgangsweise, die ich tagtäglich pflege. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden.

Ich versuche, wenn wir trotz Zeiteinplanung in so einer blöden Situation landen, meinem Sohn so oft und lange wie möglich seinen Willen zu lassen. Ich gebe ihm Möglichkeiten, „Nein.“ zu sagen, so oft es halt geht. Aber irgendwann müssen wir los, weil es unumgänglich ist.

8. Meine Handlungen sollten nicht von der Meinung anderer beeinflusst werden

Gerade in der Lego Duplo Situation bekomme ich schnell Herzrasen. Drumherum all die Eltern mit ihren Kindern, die gerade mitbekommen, dass ich mein Kind nicht im Griff hab. Es ist SO unangenehm für mich gewesen. Ich wusste mir nicht zu helfen, kam aus der Situation nicht raus. Zwischenzeitlich dachte ich, hau ich einfach den Spruch „Dann geh ich jetzt ohne dich.“ raus. Krass oder? Zu was für perfiden Methoden man plötzlich bereit ist, wenn man sich bedrängt fühlt.

Ein ganz schwieriges Thema, mit dem ich persönlich immer wieder auf’s Neue zu kämpfen habe: Die Angst, was andere denken könnten und meine Handlungen danach auszurichten. Kind läuft lieber nur mit Socken statt mit Schuhen die Straßen entlang. Kind will ein zweites Eis. Kind ist 2,5 Jahre alt und will jetzt, mitten auf dem Spielplatz, gestillt werden und schreit laut „Bitte, Mama, bitte!!!!“, damit sich auch wirklich jede/r zu uns umdreht. Oh mein Gott, was sollen nur die Leute von uns denken??

Kind läuft draußen mit Socken auf dem Gehweg

Ich könnte dir noch hundert weitere Beispiele nennen, in denen ich so starr vor Angst war, was andere denken könnten.

Aktuell arbeite ich daran. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr auf die Damentoilette zu verziehen, wenn mein Sohn im Restaurant gestillt werden möchte. Nein. Das will und werde ich nicht mehr mitmachen. Ich werde für mein Recht, an öffentlichen Orten stillen zu dürfen, und für das Bedürfnis meines Sohnes, gestillt zu werden, einstehen. Auch, wenn er „schon“ 2,5 Jahre alt ist. Ich habe mir vorgenommen, meine Handlungen nicht von der Meinung anderer beeinflussen zu lassen.

Wenn mein Sohn also wieder einen Wutanfall bekommt, dann schau ich gar nicht erst hoch, wer uns beobachten könnte. Ich konzentriere mich auf meinen Sohn und blende alles um mich herum aus. Es ist egal, wer böse guckt. Es ist egal, was für Kommentare dazwischen zischen. Es ist auch völlig gleich, was sie denken KÖNNTEN! Ich bin hier und jetzt bei meinem Sohn und nirgendwo anders.


9. Ich bin ich und du bist du

Was ich erst vor relativ kurzer Zeit durch „Unerzogen“ gelernt habe: Ich kann, will und werde niemanden ändern, die/der sich nicht ändern will.

Ich bin beispielsweise in einer Familie groß geworden, in der autoritär erzogen wurde. Als Oliver dann auf die Welt kam, kamen sie alle mit ihren Ratschlägen und Tipps und Ängsten und verwirrten mich total. Und dann dachte ich nur so: Ich kann mir das alles anhören und dann damit machen, was ich will. Ich kann es so machen, wie sie sagen oder auch nicht und gehe meinen eigenen Weg. Ich wollte, dass das akzeptiert wird und das wurde es auch (zumindest zum Teil).

Doch plötzlich fingen mein Mann und ich selber an, alle um uns herum ändern zu wollen. Weil „Unerzogen“ ja so richtig und wichtig und super ist. Ich erkannte, dass „Unerzogen“ nicht nur bei meinem Kind anfängt und endet. Es geht weiter und bezieht sich auf unser gesamtes Umfeld. Auf die/den Partner/in, Freunde, Bekannte, Verwandte, Nachbarn, Fremde, ja, sogar den Umgang mit Tieren, eben alle um uns herum.

Wenn Erziehungsstile kollidieren - Großfamilie

Ich lernte, andere zu akzeptieren wie sie sind, unabhängig davon, ob ihr „Erziehungsstil„, ihre Haltung und Lebensweise mit meiner übereinstimmte oder nicht.

Genau dasselbe gilt für unseren Sohn. Wenn ich ihn frage, ob er etwas für mich wegschmeißen kann, weil ich gerade aufräume und andere Dinge mache, und er mit „Leider nicht.“ antwortet, akzeptiere ich das. Ich zwinge ihn nicht dazu. Wenn er beim Aufräumen helfen will: Gern. Wenn er mitkochen will: Da ist deine Leiter.

10. Kinder sind keine Besitztümer

Ich will meinem Sohn seinen freien Willen lassen. Er ist nicht irgendetwas, das ich besitze, und so behandel ich ihn auch nicht. Ich fordere nichts, was er nicht will (außer, es ist gefährlich, wir müssen jetzt wirklich los o.ä.).

Doch dann bin ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz und wir begegnen Familien, die alles andere als „unerzogen“ leben. Die ihre Kinder anblaffen, ihre Ängste herunterspielen, respektlos ihnen gegenüber sind. Das zu beobachten, ist hart. Da schwirrt oft der Satz in meinem Kopf: Sind halt ihre Kinder. Ich darf mich da nicht einmischen.

Kind hält sich die Augen zu

Kinder sind aber keine Gegenstände, die man besitzt und über die bestimmt wird. Sie sind Menschen. Sie gehören niemandem, außer sich selbst. Es ist ihr Körper. Ich darf nicht darüber entscheiden und auch sonst niemand (ausgenommen bei Gefahr).

Wenn einige meinen, ihrem Kind eine auf den Hinterkopf zu geben, weil es nicht hört, muss ich einschreiten. Das ist meine Pflicht. Und wenn ich auch „nur“ die Polizei rufe, weil ich mich nicht traue, was zu sagen, dann habe ich mehr getan als dumm daneben zu stehen und mit dem Kopf zu schütteln.

Jede/r hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Steht sogar im Grundgesetz.

11. Vertrauen in Selbstbestimmung

Ich sorge also für mein Kind, damit es ihm weder seelisch noch körperlich an irgendetwas fehlt. Ich bereite ihm beispielsweise gesundes Essen zu. Aber was, wenn er das nicht essen will? Wenn er früh morgens lieber Eis essen will? Muss ich da einschreiten, damit mein Kind körperlich unversehrt bleibt?

Ich für meinen Teil habe gelernt, meinem Kind zu vertrauen, dass es weiß, was ihm gut tut und eben nicht. Es gibt also Eis bei uns, wenn meinem Sohn danach gelüstet. Ich stelle ihm dann noch als weiteres Angebot was Gesundes daneben. Mal nimmt er sich was davon, mal aber auch nicht. Das finde ich völlig ok.

Aber was, wenn er draußen nackt herumlaufen will, obwohl es doch schon recht kalt ist? Ich weise ihn darauf hin, dass es draußen windig und kühler ist und er nackig wahrscheinlich frieren wird. Manchmal entscheidet er sich dann doch für etwas Kleidung. Manchmal aber auch nicht. Ich nehme dann Kleidung mit für den Fall, dass er sich doch umentscheidet. Und weißt du was? In 2,5 Jahren wurde er 3 Mal krank, darunter zwei Erkältungen und ein gemeiner Norovirus. Ich denke schon, dass mein Sohn weiß, was ihm gut tut.

Wenn es sehr spät am Abend ist und mein Kind immer noch nicht schlafen kann/will, dann ist das auch völlig in Ordnung. Dann soll er halt schlafen gehen, wenn er bereit dazu ist. Wenn er müde ist.

Kind liest mit Papa Buch im Bett

Was ich sagen will: Es ist sein Körper. Ich werde ihn nicht dazu zwingen, nur Gesundes zu essen, ich werde ihn nicht zum Probieren zwingen, ich werde ihn so gut es geht niemals zu etwas zwingen. Wenn er Waschmittel probieren will, sitze ich aber nicht still daneben und schaue zu, wie er gleich lernt, was mit dem Waschmittel in seinem Körper passiert. Ich hoffe, du verstehst, wo da meine Grenze liegt.

12. Grenzen wahren

Wo wir schonmal beim Thema Grenzen sind. Es heißt ja immer so schön „Kinder brauchen Grenzen.“ und ich finde, das stimmt ganz und gar nicht. Nicht Kinder brauchen Grenzen. Kinder können sehr gut einschätzen, wenn ihnen was zu viel wird und stehen ausgezeichnet für ihre Grenzen ein.

Wir Eltern hingegen sollten uns da eine Scheibe abschneiden und selber auf unsere Grenzen schauen und diese wahren. Wenn ich meine eigenen Grenzen nicht wahren kann, ist mein Kind nicht dafür verantwortlich zu machen. Es hat ein Bedürfnis. Ich hab ein Bedürfnis. Aber welches wiegt mehr?

Wenn ich beispielsweise vorne im Auto sitze und mein Baby aus voller Kehle hinten im Autositz schreit, ich aber nach Hause will, dann frage ich mich: Welches Bedürfnis wiegt mehr? Kann ich mein Bedürfnis zurückstellen, um das meines Kindes zu stillen? Können unsere Bedürfnisse zugleich gestillt werden („unden“ sagen die Unerzogenen)?

Im Beispiel mit dem Auto heißt das: Ich fahre nicht 15 Minuten mit einem panisch schreienden Kind durch die Stadt, um ja nur schnell nach Hause zu kommen. Natürlich will ich nach Hause. Es ist spät. Ich bin müde. Ich will nach Hause was essen. Mein Mann ist auch schon zu Hause und er soll sich um das Baby kümmern oder dergleichen. Aber mein Baby lebt im Jetzt. 15 Minuten Schreien bedeuten für es Todesangst. Es will beruhigt werden. Kuscheln. Gestillt werden. In Mamas Gesicht sehen und wissen: In ihren Armen ist alles gut. Mehr will ein Baby nicht.

Baby genießt Mamas Nähe

Also halte ich an und beruhige mein Baby. Versuche es nach einer Weile wieder. Es gab auch schon Zeiten, da hab ich das Auto an Ort und Stelle stehen lassen und bin mit den Öffis nach Hause gefahren, weil es einfach nicht anders ging.

Natürlich hätte ich mein Baby in die Schale pressen, festschnallen und wie der geölte Blitz nach Hause fahren können, während es die ganze Stadt zusammenschreit. Aber das wollte ich nicht. Ich sah mein Bedürfnis nicht so wichtig, meinem Baby das anzutun, und stellte es zurück.

Hier lassen sich übrigens auch prima Alternativen finden, um diesen Konflikt zu vermeiden. Auto meiden, Öffis nehmen, Essen einpacken für unterwegs, mit dem Baby schlafen, wenn es schläft, früher los, wenn Baby noch nicht so müde ist, Unterhaltung fürs Baby einpacken und und und.

13. Für die eigenen Bedürfnisse sorgen

Momentan macht der kleine Mann keinen Mittagsschlaf und schläft trotzdem erst gegen 01:00 Uhr morgens ein. Das ist hart, äußerst Kräfte zehrend und macht unheimlich wütend.

Und diese Wut, hat mich „Unerzogen“ gelehrt, will mir etwas sagen. Meine Wut will mir sagen, dass es mir nicht gut geht.

Im obigen Fall bedeutet meine Wut, wenn mein Kind nachts immer noch auf 180 ist und hüpfen und springen und beißen will, und ich komplett im Eimer bin, dass ich für mich sorgen muss. Ich bin 24/7 mit meinem Kind beschäftigt. Gibt es in dieser Zeit eine Möglichkeit, für mich zu sorgen? Mir Ruheinseln zu schaffen? Tankstellen? Was kann ich für mich tun, damit ich diese Zeit schaffe, ohne mein Kind nonstop anzumeckern und genervt zu reagieren?

Können wir eine/n Babysitter/in einstellen? Eine Reinigungskraft, die im Haushalt unterstützt? Kann sonstwer helfen? Freunde, Familie, irgendwer? Sich mit dem Kind beschäftigen oder sonstwie helfen?

Oder kann mir etwas genau in diesem Moment, in dem ich wütend bin, helfen? Schokolade? Lieblingsmusik? Ein Spruch, der mich wieder runterholt? Atmen? Mit meinem Kind baden, damit ich entspannen und es rumplanschen kann?

Frau entspannt und atmet

Was will mein Kind? Will es mit mir toben oder reicht es aus, wenn ich mich in den Raum lege, ruhe, und es um mich herumwirbelt?

Nicht mein Kind ist dafür zuständig, dass meine Bedürfnisse gestillt werden. Dafür bin ich allein verantwortlich. Ich muss mich um mich selbst kümmern. Das darf ich meinem Kind nicht aufbürden und ihm vorhalten, wenn es das nicht kann, weil es für seine eigenen Bedürfnisse einsteht.

14. Ich breche aus alten Mustern aus

Ich wurde erzogen und es haften immer noch alte Glaubenssätze in meinem Kopf, die ich nicht wegbekomme. Beispiel Wände bemalen. Das war vor einigen Wochen total angesagt bei uns.

Unser Sohn bemalte also unsere Wände und wir waren am Durchdrehen. Er hatte einen eigenen Malort zum kreativen Entfalten. Aber nein, die weißen Wände waren attraktiver. Hier ein Strich, da ein Krikelkrakelbild, dort bisschen Knete, da mal rumkleckern – es war furchtbar.

Mein Kind malt gern (an den Wänden) - bemalte Wand voller Knete

Ich befasste mich mit dem Thema. Was will er? Was braucht er? Was ist sein Bedürfnis? Was treibt ihn dazu, an den Wänden zu malen, obwohl ich „Nein.“ gesagt habe? Am Ende löste ich unseren Konflikt, indem ich ihm zugestand, SEIN Zimmer, SEIN Spielzeug, so zu gestalten, wie er es wollte.

Ich trennte mich von „Man darf nicht an den Wänden malen“, befreite mich von meinen Ängsten und Sorgen und ließ etwas Unerzogenes zu. Unser Sohn darf an den Wänden malen. An einigen, nicht an allen, denn wir leben auch in der Wohnung und fühlen uns nicht wohl, wenn alles voller wirrer Striche ist. Das funktionierte für uns ganz gut.

„Unerzogen“ bedeutet für mich, alte Muster zu hinterfragen und ggf. zu durchbrechen.

Mein Sohn bewirft mich mit Sand. Meine erste Reaktion wäre normalerweise:“Ich will nicht mit Sand beworfen werden. Hör auf, mich mit Sand zu bewerfen. Wirf lieber da hin.“

Aber diesmal machte ich daraus eine kleine Sandschlacht und warf etwas Sand auf seine Füße. Wir jagten uns also quietschend über den Spielplatz und bewarfen uns mit Sand. Er mir gegen die Beine, ich ihm auf die Füße. Es machte Spaß und zeigte mir, dass ich auch einfach mal über meinen Schatten springen und aus alten Mustern ausbrechen darf. Es wirkt befreiend.

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15. Mein Kind ist „gut“

Mein Kind ist nicht „böse“. Sein Handeln hat immer einen Grund. Es will mich nicht ärgern, sondern auf etwas aufmerksam machen.

In meinem Beitrag „Missverständnisse zwischen Erwachsenen und Kindern“ erzählte ich von einem Ereignis zwischen meinem Vater und mir. Ich wollte eine Szene aus dem Film „Dornröschen“ nachspielen und sagte zu ihm „Komm, Alter!“. Mein Vater reagierte empört und ließ mich links liegen. Und ich stand da wie ein begossener Pudel und wusste nicht, was gerade passiert war.

Dieses Ereignis hat mich gelehrt, meinem Kind stets Gutes zu unterstellen. Wenn es haut, ist es nicht böse. Es weiß sich vielleicht nicht anders auszudrücken. Wenn es beißt, ist es auch nicht böse. Vielleicht zahnt es gerade. So kann das auf jede Situation angewandt werden. Bevor wir unseren Kindern etwas Gemeines unterstellen, sollten wir schauen, ob wir uns nicht doch irren, und es uns etwas ganz anderes mitteilen wollte.

Kind hält sich die Augen zu

Natürlich erkenne ich auch, wenn mein Sohn jemanden mit Absicht zurück schubst, weil er versehentlich angerempelt wurde, als es darum ging, die Kaninchen zu füttern.

Da gehe ich dazwischen, schütze das andere Kind. Mein Sohn hat mir gezeigt, dass er sich nicht anders zu helfen weiß, wenn er angerempelt wird. Ich bin an der Reihe. Wie kann er sich anders schützen, sich wehren? Sollten wir mit ihm einen Verteidigungskurs besuchen, damit er lernt, sich zu wehren, statt nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zu leben?

16. Ich bin Vorbild

Obige Kaninchensituation hat mir auch gezeigt, dass mein Sohn (bisher) keine andere Möglichkeit kennt, sich zu wehren, sich zu schützen, zu verteidigen.

Wir wollen, dass er selbstbewusst ist. Dass er den Mut hat, „Nein.“ zu sagen, wenn es ihm zu weit geht. Das kann er. Und wir akzeptieren sein „Nein.“ und hören beispielsweise mit dem Kitzeln auf, wenn er nicht mehr mag.

Trotzdem ist er total schüchtern und vorsichtig. Lässt den lauten Kindern auf dem Spielplatz den Vorrang und wartet, bis frei ist. Nur da kommt schon das nächste Kind, das sich vorbei drängelt. Er hat das Nachsehen.

Da fiel mir auf, dass ich zwar in solchen Situation ganz klar für mich einstehen würde, persönlich aber auch eine von der schüchternen Sorte bin. Wenn ich mich wohl fühle, blühe ich auf, aber das braucht seine Zeit.

Vielleicht hat mein Sohn ja von mir Zurückhaltung gelernt. Er sieht mich 24/7, im Gegensatz zu seinem vor Selbstbewusstsein strotzendem Vater.

Wenn ich meinem Kind also Dankbarkeit zeigen will, Höflichkeit, Empathie, Selbstbewusstsein usw., dann muss ich auf mich schauen: Bin ich denn überhaupt so? Sieht mein Sohn, dass ich dankbar bin, höflich, empathisch, selbstbewusst usw.? Lebt sein Umfeld nach diesem Vorbild?

17. Ich muss nicht für alles eine Lösung haben

„Unerzogen“ hat mir auch gezeigt, dass ich nicht für alles eine Lösung parat haben muss.

Wir sitzen beispielsweise drinnen, schauen aus dem Fenster. Es regnet. Mein Sohn will, dass es aufhört zu regnen. Kann ich nicht ändern. Es macht ihn traurig und er will wirklich, dass es jetzt aufhört zu regnen. Kann ich trotzdem nicht ändern.

Was ich tun kann, ist da zu sein. Ich kann nicht alles zu seinen Gunsten ändern. Aber ich kann ihm zeigen, dass ich immer für ihn da bin. Kann ihm sagen, dass der Regen auch was Gutes hat. Kann mit ihm draußen in den Pfützen hüpfen und ihm begreiflich machen, dass uns Regen nicht davon abhält, rauszukommen. Oder dass man an Regentagen auch ganz coole Sachen drinnen machen kann. Regen hat auch seine angenehmen Seiten.

Kind spielt mit Autos in großer Regenpfütze

18. Es zeugt von Stärke, sich Hilfe zu holen

Ich bin nicht immer gut gelaunt. Manchmal sind meine Reserven voll aufgetankt und es ist ein leichtes für mich, auf mein Kind einzugehen, das fordernd „Mama, komm her!“ nach mir ruft, während ich Pfannkuchen für uns mache.

Ja, und manchmal, da lief die Nacht kacke, dann bin ich müde, dann ist der Papa schon aus dem Haus auf dem Weg zur Arbeit, die Wohnung sieht aus wie Sau, ich sehe all die Arbeit, niemand hilft mir, niemand unterstützt mich und dann kann ich es weniger leicht verkraften, für einen fordernden 2,5-Jährigen da zu sein, mit dem ich den ganzen Tag spielen soll.

Mensch hängt schlapp über einem Baumstamm im Wasser

Da ist es wieder an mir, für mich zu sorgen. Kann mir jemand helfen? Nein? Das ist blöd. Denn da ist nunmal auch der Junge, der nicht versteht, dass ich erschöpft bin, und nun dies und das will.

Ja, da bin ich auch frustriert. Ausgelaugt. Und will eigentlich nur meine Ruhe haben. Geht aber nicht. Und wenn ich es nicht schaffe, für meine Bedürfnisse zu sorgen, reagiere ich auch schnell mit Wut.

In „Unerzogen“ bin ich auf den Wutkurs* von Ruth gestoßen. Ich hoffe, hier noch einige Dinge lernen zu können, die mir helfen, mit meiner Wut umzugehen.

Denn, sich Hilfe zu holen, sollte nichts sein, wofür man sich schämen muss. Die einen machen eine Therapie, um ihre Traumata aus der Vergangenheit aufzuarbeiten, die anderen holen sich Hilfe im Haushalt, die anderen tauschen sich aus, nehmen an Kursen teil, lesen passende Literatur.

Wir sind alle nicht perfekt und haben unser Päckchen zu tragen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns damit abfinden. Wir reflektieren unser Verhalten und wollen etwas ändern. Dafür benötigen wir manchmal Hilfe und nehmen diese auch in Anspruch.

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19. Ich belohne und bestrafe nicht

Was ich bereits vor „Unerzogen“ lebte: Ich belohne kein „gutes“ Verhalten und bestrafe kein „schlechtes“ Verhalten. Hier half mir das Buch „Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“* von Alfie Kohn, die Schattenseiten des Belohnungs- und Bestrafungssystems zu verstehen.

Selbst bei „Unerzogen“ spalten sich die Geister und viele fühlen sich unwohl, ihr Kind nicht zu loben.

Meiner Auffassung nach ist Belohnung und Bestrafung wie Dressur. Selbst, wenn ich mein Kind nicht bestrafe, wenn es die Vase zerdeppert, indem ich es auf die stille Treppe schicke o.ä., ist Belohnung für „gutes“ Verhalten genau so schädlich.

Belohnung bedeutet, ich stelle mich über jemanden und gebe ihm zu verstehen, was angeblich richtig ist. Ich lobe und bestrafe, um sein Verhalten zu lenken, weil ich der Meinung bin, dass es das nicht von selbst herausfinden kann. Ich lobe mein Kind mit „Das hast du aber fein gemacht.“, wenn es den Müll in den Mülleimer schmeißt. Mein Ziel: Dieses Verhalten zu fördern. Ich zeige meinem Kind, dass es GUT ist, Müll in den Mülleimer zu schmeißen.

Wenn ich erzähle, dass ich meinen Sohn nicht lobe, kommen immer ganz traurige Reaktionen. Der Arme. Er wird immer um deine Anerkennung betteln und alles dafür tun, um von dir gesehen zu werden.

Dass ich meinen Sohn nicht lobe, bedeutet nicht, dass ich ihn ignoriere, wenn er mir etwas freudestrahlend zeigt. Ich bin trotzdem da und sehe ihn. Ich sehe, was er gemacht hat und freue mich mit ihm. Ich sitz nicht einfach nur da und schaue teilnahmslos drein.

Ich erkenne sehr wohl an, wenn er ins Töpfchen gepullert hat. Ich schreie aber nicht:“JA! Super! Fein hast du das gemacht! Klasse! PRIMA!“ Ich sage beispielsweise:“Hey, du hast ins Töpfchen gemacht. Als wir gerade gespielt haben, warst du ganz hibbelig. Da muss deine Blase schon ganz schön voll gewesen sein. Jetzt ist sie leer und du bist entspannter. Jetzt können wir weiterspielen. Willst du das Töpfchen im Klo ausschütten?“

Oder ein anderes Beispiel: Mein Sohn zeigt mir, was er gemalt hat. Viele würden hier einfach antworten:“Super.“ Fertig. Konversation beendet.

Kind malt auf Tablet

Ich persönlich denke nicht, dass mein Sohn von mir gerade wissen will, ob ich sein Gemaltes toll finde oder nicht. Er will Kontakt. Ich sage dann zum Beispiel:“So viele Farben! Wie hast du DAS denn gemacht?“ und dann ist er schon eifrig dabei, mir zu erzählen, wie er dies und das gemalt hat. Oder WAS er genau gemalt hat.

Eine völlig andere Kommunikation, finde ich. Aber das ist einfach nicht für jede/n was. Ist auch ok. Da spielt dann wieder die Akzeptanz rein.

20. Selbstreflexion

Akzeptieren will ich persönlich nicht, dass ich autoritär erzogen wurde und das nun angeblich 1:1 übernehmen muss, weil ich es nicht anders kenne. Ich FÜHLE, wenn ich mein Kind ungerecht behandelt habe. Ich SEHE, wie verletzt er ist, wenn ich rummotze.

Ich persönlich gebe mich nicht damit zufrieden, so zu sein, wie ich bin und rede mich raus, weil ich daran angeblich nichts ändern kann.

Wenn ich abends im Bett liege und mir dieses oder jenes Ereignis ins Gedächtnis rufe, über das ich unzufrieden bin, weil ich es m.M.n. unglücklich angegangen bin, frage ich mich: Was hätte ich stattdessen tun können? Wie gehe ich diesen Konflikt beim nächsten Mal besser an? Was habe ich in dem Moment gebraucht und was mein Kind? Was könnte mir/ihm helfen?

Frau liegt entspannt auf dem Bett

Es tut mir gut, mein Handeln zu hinterfragen. Auch mal zuzugeben: Das war echt nicht ok, was ich da gesagt habe. Wie kann ich da an mir arbeiten? Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann sagt mir das, dass ich Hilfe brauche.

21. Fehler eingestehen

Wenn ich mies zu meinem Kind war und wieder am Boden der Tatsachen angekommen bin, sehe ich, was ich angerichtet habe. Mein Kind ist traurig. Verkrümelt sich. Ich geh ihm hinterher, er lässt es zu. Ich entschuldige mich für mein Verhalten. Sage, dass das echt nicht in Ordnung war, dass ich so laut geworden bin. Versuche ihm begreiflich zu machen, woran es liegt.

So möchte ich ihm zu verstehen geben, dass auch ich als seine Mutter Fehler mache. Dass ich Gefühle habe. Bedürfnisse. Dass ich kein Roboter bin, der zu 100% funktioniert, und manchmal einfach k.o. bin. Dass ich aber auch die Kraft habe, das einzugestehen und mich dafür zu entschuldigen. Ich erwarte von ihm keine Entschuldigung, aber es ist mir wichtig, ihm zu sagen: Es tut mir ehrlich Leid. Ich habe meinen Fehler erkannt. Daran will ich arbeiten.



Was „Unerzogen“ für mich NICHT ist

So gehe ich nun meinen Weg und lese und lese und lese und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gibt SO viele, die „unerzogen“ leben. Und trotzdem so viele Irrtümer darüber.

Ich möchte dir daher kurz und knapp erklären, was „Unerzogen“ für mich absolut NICHT ist:

1. Selbstaufgabe, Kind darf ALLES

In „Unerzogen“ geht es um die Bedürfnisse aller. Babys, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Haustiere… Eben alle, die zusammen leben, eigene Bedürfnisse haben und deren Erfüllung fordern.

Es geht nicht darum, dass man Konflikten aus dem Weg geht, das Kind alles machen lässt, was es will, und gar nicht an sich oder andere denkt.

Junge mit Iro, Lederjacke und Jeans

Es geht darum, die Bedürfnisse meines Kindes und der anderen wahrzunehmen, darauf einzugehen, aber mich selber dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet auch, dass mein Kind eben nicht alles darf, was es will und tun und lassen kann, was es will, denn auch wir, die mit ihm zusammenleben, haben Bedürfnisse, die zu berücksichtigen sind.

Auch Menschen unseres Umfelds, Nachbarn, Fremde usw., haben Bedürfnisse, die berücksichtigt werden sollten. Es ist schwierig, die Mitte zu finden. Wenn mein Kind laut in der Wohnung trampelt, weil es nunmal so läuft, und die Nachbarn unter uns sich beschweren, dann muss da irgendeine Lösung gefunden werden. Natürlich könnte ich auch rotzig sagen:“Kinder sind nunmal laut. Finden Sie sich damit ab.“, aber das wäre in meinen Augen nicht „Unerzogen“. „Unerzogen“ bezieht sich nicht nur auf mein Kind.

2. Richtig und Falsch

„Unerzogen“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass (Langzeit-)gestillt werden MUSS. Oder dass alle im Familienbett schlafen. Es geht auch nicht um Tragetuch-, Tragegurt- oder Kinderwagenpflicht, Stoffwindeln, Wegwerfwindeln oder Windelfrei.

„Unerzogene“ können Hausfrau/-mann, selbstständig, Azubis, ganz oben auf der Karriereleiter in Entscheidungsposition, angestellt oder was auch immer sein.

„Unerzogene“ Kinder gehen in die Kita oder auch nicht, gehen zur Schule oder auch nicht.

Für mich existiert nicht DAS Bild von „Unerzogen“ und „Nur so geht Unerzogen“. Es geht um die Einstellung. „Unerzogen“ ist eine Haltung, kein Erziehungsstil im üblichen Sinne.

Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Beitrag einen ersten, tieferen Einblick in „Unerzogen“ geben. Was bedeutet „Unerzogen“ für dich?

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4 Gedanken zu “Unerzogen – Was bedeutet das?

  1. Sehr interessanter Beitrag, den ich sicherlich beizeiten (wenn es mit dem Kinderwunsch klappt) wieder hervorholen werde. Mir geht es immer darum, nicht nur schwarz und weiß zu sehen, keine Schubladen oder Extreme zu bedienen und nicht nur „mit dem Strom“ zu schwimmen. Ich hoffe sehr, dass ich diesen individuellen Weg auch in der Erziehung eines kleinen Wunders umsetzen kann. Meine Vorstellungen von Erziehung konnte ich im Umgang mit meinen Patenkindern schon anwenden und habe bisher recht gute Erfahrungen gemacht. In deinem Beitrag gefällt mir sehr, dass du zugibst, auch nicht immer nach „unerzogen“ Methoden vorgehen zu können/wollen und es Zeiten gibt, in denen dir die Kraft dafür fehlt. Das ist meiner Meinung ein wichtiger Charakterzug, der auch in unserer modernen Welt noch längst nicht selbstverständlich ist. Im Gegenteil, wer nicht perfekt funktioniert wird sofort kommentiert/kritisiert/verbessert. Umso mehr schätze ich deine Offenheit an dieser Stelle. Mach weiter so, ich werde deine Beiträge gerne weiter verfolgen.

    Viele Grüße, Silke

    • Liebe Silke,
      vielen Dank für deinen liebenswerten Kommentar 🙂 Das hat mich sehr gefreut 🙂
      Du hast mich darin bestärkt, den Blog weiter voranzutreiben, aber trotzdem immer noch ich selbst, authentisch, zu bleiben. Denn du hast Recht: Es ist schwer, nicht einem perfekten Bild entsprechen zu wollen, das in der Realität gar nicht existiert. Da will ich auf keinen Fall hin. Freut mich, dass du das genau so siehst 🙂
      Viele liebe Grüße
      Julia

  2. Hallo liebe Julia. Ich habe gerade deinen Blog zum Thema „unerzogen“ durchgelesen. Toll dass du dir über Erziehung im Allgemeinen so viele Gedanken machst. Da geht es mir ähnlich. Hier noch meine (hoffentlich nicht wertende) Ansicht dazu: Kinder brauchen Leitplanken in ihrem Leben. Sie geben ihnen Sicherheit. Ja, man sollte sie mit dem gleichen Respekt wie die Erwachsenen behandeln,aber nicht schon in eine Erwachsenenrolle drängen. Kinder können lernen auf ihren Körper und ihr Gefühl zu achten, aber wie wissen sie mit 2,5 Jahren ob das was sie gerade empfinden richtig ist für ihren kleinen Körper? Das lernen sie nur dadurch, in dem die Eltern ihnen Leitplanken (also Hilfestellung) bieten. Nicht mal wir Erwachsenen wissen manchmal was jetzt gerade die beste Bekleidung für draussen ist, warum soll man dann dem Kind diese Entscheidung schon „aufbürden“? Sogar ich hab manchmal lust auf Eis zum Frühstück, aber meine Erfahrung sagt mir dass das einfach nicht gesund ist. Wie kann ich diese Weitsicht von meinem kleinen Kind erwarten? Ich muss es versuchen auf die Realität vorzubereiten und da geht es nicht immer nach meinen Wünschen (schon nur z.b um Respekt meinen Mitmenschen gegenüber zu zeigen). Ich möchte meine Kinder den Mittelweg lehren auf die eigenen Bedürfnisse einzugehen aber nicht auf Kosten der anderen. Kommt es dann in den Kiga, kann leider nicht mehr wie zu Hause auf jedes Bedürfnis eingegangen werden (oder schon nur wenn ein Geschwisterkind dazu kommt. Ich spreche aus Erfahrung😅). Das ist dann sehr schwer für das betroffene Kind und es fühlt sich von den anderen vielleicht nicht wirklich angenommen (so wie es sich von zu Hause aus gewöhnt ist).
    Ich finde jedes Extrem ziemlich heikel (sei es nun unerzogen oder übererzogen).
    Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute, be blessed.

    • Hallo Sarah,
      Danke für deinen Kommentar 🙂 Nein, tatsächlich habe ich deine Meinung gar nicht wertend empfunden. Ich denke, du machst dir einfach Sorgen und fragst dich, wie das funktionieren soll, vor allem was das Thema Selbstbestimmung angeht.
      Ich geh jetzt einfach mal die Beispiele durch, die du mir genannt hast 🙂
      Bekleidung: Ich kann durchaus Hilfestellung in dem Sinne anbieten, dass ich meinem Sohn, bevor es rausgeht, sage, dass es so und so draußen aussieht und es entsprechend kalt/warm/windig etc. ist und empfehle ihm aus den und den Gründen die und die Sachen. Was er mit dieser Empfehlung macht, bleibt ihm überlassen. Und ja, du hast vollkommen Recht, wie soll ein Kind „richtig“ entscheiden, welche Kleidung nun geeignet ist? 1. wie gesagt durch meine Empfehlung, 2. aber – und das finde ich extrem wichtig – durch eigene Erfahrungen. Das bedeutet: Ist er zu kalt angezogen, wird er das schnell merken und entsprechend nach mehr Bekleidung fragen. Anders herum auch, wenn er zu warm angezogen ist und schwitzt. Ich denke, gerade 2. – die eigenen Erfahrungen, sind das wichtigste, damit das Kind lernt, auf seinen Körper zu hören und entsprechend zu reagieren. Auch Erfahrungen, wie „im Winter Handschuhe tragen, damit die Hände nicht wieder so schlimm frieren wie beim letzten Mal“ sind wichtig. Wenn wir nie „Fehler“ machen dürfen, wie sollen wir dann lernen? Sollen wir immer nur auf das hören, was uns die anderen empfehlen? Aber die können doch gar nicht wissen, wie ICH mich in meinem Körper fühle. Wann mir tatsächlich erst kalt wird und wann zu warm etc. Das eigene Körpergefühl sollten wir unseren Kindern nicht absprechen, indem wir ihnen sagen, was sie anzuziehen haben. Ich lass dir mal meinen Artikel „Kind will sich nicht anziehen (lassen)“ da. Da habe ich es ausführlicher beschrieben.
      Eis zum Frühstück: Wie oben im Bekleidungsbeispiel bin ich definitiv dafür, dass mein Kind eigene Erfahrungen machen darf. Das ist enorm wichtig, eigene Erfahrungen zu machen, weil man aus ihnen am besten lernt. Natürlich sagt mir meine Mama „Eis essen ist ungesund.“, aber was „ungesund“ bedeutet, was es bedeutet, wenn ich Eis zum Frühstück esse, obwohl ich Hunger habe, und eigentlich etwas Herzhaftes sättigender wäre, das sollte man einfach für sich selber herausfinden. Vorgekaute Erfahrungen von anderen öden mich persönlich an. Ich will selber lernen. Es geht um Selbstwirksamkeit. Selber machen. Das musst du nicht nur auf Eis essen beziehen, das funktioniert überall so.
      Rücksichtnahme: Natürlich geht nicht immer alles nach meiner Nase. Oder nach der meines Sohnes. Oder wessen Nase auch immer. Rücksichtnahme ist wichtig und schließt „Unerzogen“ nicht aus. Auch hier geht es um die Bedürfnisse aller, wie ich in meinem Beitrag geschrieben habe. Auch das ist etwas, was ein Kind (und selbst Erwachsene) noch lernen müssen. Gegenseitige Rücksichtnahme, Respekt, Höflichkeiten etc, wobei ich hier der Meinung bin, dass die Vorbildfunktion eine ganz entscheidende Rolle dabei spielt.
      Ich hoffe, ich konnte dir etwas Klarheit verschaffen 🙂
      Liebe Grüße und auch dir und deiner Familie alles Gute.
      Julia

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